Fragen und Antworten zu Inklusion in Schulen in NRW

Frage: Wer entscheidet, ob Schülerinnen und Schüler Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung haben?

Antwort:
Hier muss unterschieden werden: Wenn es um die förmliche Feststellung (Verwaltungsakt) eines Bedarfs an sonderpädagogischer Unterstützung geht, sieht das Schulgesetz auch künftig die Entscheidung durch die Schulaufsicht vor (§ 19 Absatz 5) (s. auch AO-SF). Eine solche Feststellung ist aber im Bereich der Lern-und Entwicklungsstörungen nicht mehr in allen Fällen vorgesehen. Dann kann die Frage, ob eine Schülerin oder ein Schüler einen Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung hat, auch niedrigschwellig durch Lehrkräfte auf der Basis schulfachlicher Diagnostik beantwortet werden.

Frage: Haben Eltern das Recht sich eine bestimmte allgemeine Schule für ihr Kind mit Förderbedarf auszusuchen? 

Antwort:
Nein, die Schulaufsichtsbehörde muss mindestens eine allgemeine Schule vorschlagen, wenn Eltern für ihr Kind mit Förderbedarf eine allgemeine Schule wünschen. Das Recht auf den Besuch einer Wunschschule besteht nicht.

Frage: Werden die Förderschulen abgeschafft?

Antwort:
Auf lange Sicht halten alle Fachleute und Politiker ein Zweisäulensystem von Förderschulen und inklusiven Schulen für nicht finanzierbar. Mittelfristig werden möglicherweise die Förderschulen Lernen in vielen Regionen nicht mehr vertreten sein, da viele von ihnen (etwa 90 %) schon jetzt die Mindestschülerzahlen nicht erfüllen.

Frage: Können Eltern auch weiterhin die Förderschule statt der allgemeinen Schule wählen?

Antwort:
§ 20 Absatz 2 des SchulG bestimmt: „Sonderpädagogische Förderung findet in der Regel in der allgemeinen Schule statt“. Es heißt aber auch: „Die Eltern können abweichend hiervon die Förderschule wählen“. Allgemeine Schulen und Förderorte sind auch zukünftig gleichwertige Förderorte. Die Möglichkeit für Eltern, für ihr Kind eine Förderschule zu wählen, setzt allerdings voraus, dass es vor Ort noch Bedarf für ein entsprechendes Förderschulangebot in erreichbarer Nähe gibt. Einige Elternverbände befürchten, dass für bestimmte Förderschulformen (Lernen, Sprache/Kommunikation) das wohnortnahe Angebot zurückgehen wird.

Frage: Wenn Eltern für ihr Kind eine Förderschule möchten, es aber wohnortnah kein Angebot (mehr) gibt, was passiert dann?

Antwort:
Dann müssen Eltern, die für ihr Kind die Förderschule wollen, weitere Schulwege in Kauf nehmen. Diese Situation ist schon heute insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit komplexen Behinderungen (Sinnesschädigungen, komplexe körperliche und geistige Behinderungen) gegeben, für die es – aufgrund der vergleichsweise geringen Zahl – nicht überall ein wohnortnahes Förderschulangebot gibt.

Frage: Können Kinder mit dem Förderbedarf Geistige Entwicklung (z. B. Down Syndrom) demnächst auch ein Gymnasium besuchen?

Antwort:
Wenn ein Gymnasium gemeinsames Lernen anbietet und Schwerpunktschule für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ist, natürlich. Einige Gymnasien tun dies bereits. Auch Gymnasien werden in Zukunft zieldifferent nach verschiedenen Bildungsgängen (Förderschwerpunkte Lernen und Geistige Entwicklung) unterrichten. Im Gegensatz zu Schülerinnen und Schülern ohne Förderbedarf können Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf nicht zurückgestuft oder abgeschult werden.

Frage: Sind Klassen mit Kindern mit Förderbedarf auf jeden Fall kleinere Klassen?

Antwort:
Nicht unbedingt, nur unter bestimmten Bedingungen, nämlich dann, wenn in einer Jahrgangsstufe eine bestimmte Anzahl von Kindern mit Förderbedarf sind.

Frage: Gibt es eine Möglichkeit an besonders beliebten Schulen mit Gemeinsamen Lernen zu verhindern, dass sie große Klassen bilden müssen?

Antwort:
Sowohl im 8. Schulrechtsänderungsgesetz (Grundschulen) als auch im 9. Schulrechtsänderungsgesetz (Inklusion) sind dazu Festlegungen getroffen. Nach dem 8. Schulrechtsänderungsgesetz können die Schulträger die Aufnahmekapazität von Grundschulen, die vor besonderen Herausforderungen stehen (Inklusion, soziales Umfeld) begrenzen.
Laut § 46 Absatz 4 SchulG kann die Schulleiterin oder der Schulleiter im Einvernehmen mit dem Schulträger die Zahl der in die 5. Klassen einer weiterführenden Schule aufzunehmenden Schülerinnen und Schüler auf den Klassenfrequenzrichtwert begrenzen, wenn das Gemeinsame Lernen an der Schule zum Prinzip gehört.

Frage: Gibt es (eine) vorgeschriebene Obergrenze(n) für die Zahl von Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in einer Klasse?

Antwort:
Nein. Die bisher gelebte Praxis zeigt aber, dass es in der Regel zwischen vier und sechs sind, weil eine solche „Bündelung“ ermöglicht, dass in mehreren Unterrichtsstunden Doppelbesetzung möglich ist und somit eine erweiterte bzw. vertiefte Differenzierung erfolgen kann.

Frage: Welche sonderpädagogischen Ressourcen werden den Schulen mit Gemeinsamen Lernen zur Verfügung gestellt?

Antwort:
Im Bereich der Lern- und Entwicklungsstörungen stehen in allen Regionen im Rahmen des Stellenbudgets Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung zur Verfügung, unabhängig von der förmlichen Feststellung eines Bedarfs an sonderpädagogischer Unterstützung bei Schülerinnen und Schüler dieser Region. Wichtig wird dabei sein, wie diese Stellen auf die Schulen in der Region in angemessener Form transparent und zielgerichtet verteilt werden.
Richtwerte sind hier:
Grundschule: 0,5 Stelle pro Zug
SI: 1 Stelle pro Zug
Im Bereich der anderen Behinderungsformen (Geistige Entwicklung, Körperlich-motorische Entwicklung, Sehen, Hören) gelten die entsprechenden Schüler-/Lehrerrelationen).

Frage: Sind Klassen mit Gemeinsamen Lernen durchgängig mit einem Lehrer/einer Lehrerin der Schulform und einer Sonderpädagogin/einem Sonderpädagogen besetzt?

Antwort:
Eine entsprechende Doppelbesetzung wird in der Regel nur in einigen Stunden erreicht werden. Insbesondere in Nebenfächern wie z.B. Religionslehre beklagen Lehrkräfte, dass sie allein unterrichten.

Frage: Gibt es genügend Sonderpädagogen um den erhöhten Bedarf abzudecken? 

Antwort:
Nein. Die Landesregierung hat aber Weiterbildungsmaßnahmen  in den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung initiiert (VOBASOF), um den Bedarf möglichst bald abdecken zu können.

Frage: Was sind Schulbegleiter?

Antwort:
Schulbegleiter (auch Integrationshelfer, Schulassistenz, Schulhelfer genannt) arbeiten als Teil eines multiprofessionellen Teams an dem Ziel, Inklusion in der Schule zu ermöglichen. Schulbegleitung versteht sich als Unterstützung für Schülerinnen und Schüler, die individuelle Hilfe benötigen, damit sie am Unterricht teilnehmen können.
Leistungen der Schulbegleitung erhalten Schülerinnen und Schüler nach § 53 SGB XII bei geistiger und körperlicher Behinderung und nach § 35 a SGB VIII bei seelischer  Behinderung im Rahmen eines individuellen Rechtsanspruchs als ambulante Leistungen der Eingliederungshilfe. Diese wird als Hilfe zu einer angemessenen Schulbildung im Sinne des § 54 Abs. 1, Satz 1, Nr. 1 SGB XII in Verbindung mit § 12 der Eingliederungshilfeverordnung erbracht und umfasst erforderliche und geeignete  Maßnahmen zur Ermöglichung oder Erleichterung des Schulbesuchs. Grundsätzlich wird eine Schulbegleitung dann nötig, wenn Schülerinnen und Schüler mit Behinderung Bedarf an individueller Unterstützung haben, die durch das Personal der Schule nicht oder nicht regelmäßig erbracht werden kann. Die Schulbegleitung kann je nach Bedarf im Einzelfall durch Fachkräfte oder Nichtfachkräfte erfolgen.

Frage: Was sind Schwerpunktschulen?

Antwort:
Im Bereich der Lern- und Entwicklungsstörungen sollen alle allgemeinen Schulen Orte Gemeinsamen Lernens sein. Schwerpunktschulen sind allgemeine Schulen, die darüber hinaus Schüler_innen mit Förderbedarf mindestens einer weiteren Behinderungsform (Geistige Entwicklung, Körperlich-motorische Entwicklung, Sehen, Hören) aufnehmen.

Frage: Können Förderschulen in umgekehrter Inklusion Regelschülerinnen und –schüler aufnehmen?

Antwort:
In Niedersachsen gibt es solche Modelle (z. B. Kardinal-von-Galen Haus in Dinklage), in NRW nicht. Will eine Förderschule in NRW Schülerinnen und Schüler ohne Förderbedarf aufnehmen muss sie zuvor in eine allgemeine Schule umgewandelt werden.

Frage: Wo erhalten Lehrer_innen und Eltern Hilfe?

Antwort:
In allen 53 Schulämtern in Nordrhein-Westfalen sind seit 2011 Stellen für Inklusionskoordinatorinnen und -koordinatoren eingerichtet worden, deren Aufgaben zumeist von jeweils zwei Personen wahrgenommen werden. Diese beraten Schulen und Eltern.
An Schulen, die bereits besondere Erfahrungen mit dem Gemeinsamen Lernen gemacht haben und die deshalb in der jeweiligen Region eine Vorreiterfunktion übernehmen können stehen Kolleg_innen zur Beratung anderer Schulen zur Verfügung (z. B. für Hospitationen, Informationsaustausch zu konkreten konzeptionellen und organisatorischen Fragen).
Moderatorinnen und Moderatoren für gemeinsames Lernen bei den Kompetenzteams der Kreise bzw. kreisfreien Städte sollen die allgemeinen Schulen insbesondere beim Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit Lern- und Entwicklungsstörungen unterstützen.

In Münster existiert ein LWL-Beratungshaus, das durch die Bündelung verschiedener Fachkompetenzen in einem interdisziplinären Team Kindern und Jugendlichen, Eltern, Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrkräften Information, Beratung und Unterstützung bietet.
Das Angebot erstreckt sich dabei auf Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Handicaps, u. a. Autismus, Sehen, Hören und Kommunikation, Sprache und körperliche und motorische Entwicklung.
Ein weiteres ist für Gelsenkirchen geplant.

Beratung und Fortbildung

Religionslehrer_innen können auf die Beratungs- und Fortbildungsangebote der Schulreferate und des Pädagogischen Institutes zurückgreifen.

 
 
 
 
Fragen und Antworten zur Inklusion
 

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