Religionsfrieden – wichtigstes Bildungsziel des Religionsunterrichts

120 Berufschullehrer*innen treffen sich zum 3. Villigster Berufsschultag

Am Vormittag fesselte Prof. Dr. Christian Grethlein, Religionspädagoge und Praktischer Theologe an der Universität Münster, das aufmerksame Publikum mit einer differenzierten Analyse von Gesellschaft, Kirche und Schule unter der Überschrift „Religionslehrer*in-Sein in Zeiten der Transformation“.

Als Kennzeichen der Transformationsprozesse auf gesellschaftlicher Ebene benannte Grethlein dabei die Digitalisierung, die Beschleunigung der Lebensverhältnisse und soziale Umbrüche wie z.B. das Ende des Aufstiegsversprechens ‚den Kindern werde es einmal besser gehen‘.

Für den Bereich der Kirche benannte Grethlein zum einen den messbaren Bedeutungsverlust, dann aber auch die Veränderung des Kommunikationsstils, der sich zunehmend hinbewegt auf eine authentische Selbstreflexion des Glaubens ohne Bezug auf die institutionalisierte Kirche.

Für den Bereich der Schule machte Grethlein drei Transformationsprozesse aus: Zunahme der Bedeutung von Schule sowohl bezogen auf die tägliche in Schule verbrachte Zeit als auch in Bezug auf die Lebenszeit. Gleichzeitig nimmt aber die Relevanz von Schule für den Wissenserwerb ab, da das Wissensmonopol der Lehrenden durch das Internet abgelöst werde. Schließlich sei die Heterogenität der Lerngruppen u.a. in religiöser Hinsicht eine neue Herausforderung aber auch Chance für die Schulen.

Als Konsequenz für den Religionsunterricht forderte Grethlein, dass der RU die lebenspraktischen Anfragen an die Religion in den Mittelpunkt rücken müsse. Der RU müsse eine Alternative zu Konsum und Konkurrenz bieten, Räume eröffnen, um zugleich bei sich und bei den anderen zu sein. Und schließlich solle der RU aus einer praktischen Kommunikation des Evangeliums bestehen, die Hilfe zum Leben aufzeige und von den Lehrenden auf Augenhöhe vermittelt würde. Religionsunterricht sei heute stärker pädagogisch und politisch als kirchlich zu begründen und hätte gegenwärtig als wichtigstes Bildungsziel, aus christlicher Perspektive zum Religionsfrieden beizutragen.

Für das Religionslehrer*in-Sein empfahl Grethlein den Lehrenden, der Abkoppelung der Schüler*innen von der institutionalisierten Kirche in der Weise zu begegnen, in dem sie den Weg von einer autoritätsbezogenen hin zu einer authentischen – Biographie bezogenen –Kommunikation bewusst mitgehen und gestalten. Dabei komme es darauf an, in den Lehr- Lernprozessen für die Frage nach Gott zu öffnen: Wie würde die Welt aussehen, wenn es einen Gott gäbe?

Religionsunterricht erfordere - so Grethlein abschließend  - Weite in Hinsicht auf die Pluralität der Lernenden und Konzentration hinsichtlich der Inhalte. Diese doppelte Aufgabe sieht Grethlein in der Formel „Kommunikation des Evangeliums“ trefflich gebündelt, zumal der Evangeliumsbegriff selbst in sich sehr weit ist und auch im Koran zu finden sei.

Nach dem Mittagessen folgte eine Workshopphase, die den Transformationsgedanken aufgriff und unterrichtspraktisch interpretierte im Sinne eines Transfers in den eigenen Schulalltag. Neben einer vertiefenden Gesprächsrunde mit dem Referenten des Vormittags bestand die Möglichkeit im „Spiele-Transfer“ (Spielpädagogische Anlässe im BRU), „Kompetenz-Transfer“ (Kompetenzorientierung praktisch im BRU), „Ideen-Transfer“ (Über die veränderte Welt ins Gespräch kommen. Gesprächsanlässe und Methoden im BRU), „Kultur-Transfer“ (BRU [nicht nur] in ‚internationalen Klassen‘ / „Respekt-Trainings“), Transfer "Religion trifft Beruf“ (Gelingensfaktoren für guten BRU an videografischem Material wahrnehmen und für die eigene Praxis reflektieren) vielfältige Anregungen für den eigenen Unterricht mitzunehmen.

Dem Anspruch der Veranstalter, dass der Berufsschultag auch so ein bisschen etwas von didacta und Kirchentag ausstrahlen sollte, wurden die zahlreichen Informations- und Verkaufsstände gerecht, die bei den Teilnehmenden auf ein lebhaftes Interesse stießen und geradezu umlagert wurden.

Den bissigen Schlusspunkt setzte der Kabarettist und Theologieprofessor Okko Herlyn mit seinem aktuellen Reformationsjubiläumsprogramm „Hier stehe ich. Ich kann auch anders“. Wenig erbauliches Kabarett aus Kirche, Schule und anderen Realsatiren. Sein Kleinkunstbühnenstück zur Zwei-Regimenter-Lehrer Luthers mit Bundestagspräsident Lammert als gottgleichem Herrscher zur Linken und Rechten war ein echtes Highlight und wird sicherlich noch lange nachwirken und vielleicht auch zu eigenen – vielleicht auch einmal etwas gewagteren - Unterrichtsinszenierungen ermutigen.

Matthias Grevel / Meinfried Jetzschke


 
 
 
 
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