Pädagogisches Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen

Weltbeste Bildung für alle? Die NRW-Schulpolitik ein Jahr nach der Landtagswahl

Bildungspolitisches Forum Villigst, 17. September 2018

Ralph Fleischhauer, Bildungsministerium NRW

In Kooperation von Pädagogischem Institut und „Bündnis länger gemeinsam lernen NRW“  fand das etablierte „Bildungspolitische Forum“ zu dem Thema „Weltbeste Bildung für alle? Die NRW-Schulpolitik ein Jahr nach der Landtagswahl“ am 17. September in Haus Villigst (Schwerte) statt.

Gut ein Jahr nach der Landtagswahl ist es Zeit, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen. Die Schulpolitik steht vor großen Herausforderungen: Wie geht es mit der Inklusion in den Schulen in NRW weiter? Welche Konzepte gibt es für die Beschulung und Integration von Zuwanderungskindern? Welche Relevanz hat die Bildungsgerechtigkeit für die NRW-Schulpolitik?

Aus dem Ministerium wurde Herr Fleischhauer eingeladen, den Stellenwert von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit in der aktuellen Schulpolitik zu erläutern. Prof.'n Dr. Gabriele Bellenberg (Bochum) und Prof.'n Dr. Simone Seitz (Paderborn) haben aus der Sicht der Erziehungswissenschaften dazu Stellung genommen. Auch die GEW, vertreten durch die Bundesvorsitzende Marlis Tepe, die Landeselternkonferenz und die Landeselternschaft an integrierten Schulen (LEIS) diskutierten miteinander und legten ihre Positionen dar.

Prof.'n Bellenbeck wies nachdrücklich darauf hin, dass die Bildungspolitik nicht von Wahlergebnissen und Legislaturperioden abhängig sein darf, sondern dringend Zielvereinbarungen braucht, die mittelfristig und Wahlüberdauernd  festgelegt werden.
Dann kann auch die Ressourcensteuerung anders erfolgen, als es zurzeit geschieht. Kontinuierliche und Langzeitziele müssen politisch vereinbart werden. Das gilt zum Beispiel bei den Einstellungsquoten für Lehrer*innen und bei der Baufinanzierungen von Schulgebäuden. Lehrer*innen brauchen zudem Zeiträume, in denen sie im Rahmen ihrer Arbeit nachdenken und sich entwickeln können. Es fehle jegliche Initiative zur Ressourcensteuerung und verlorengegangen ist die Wertvermittlung. Schule muss eine Demokratisierungsdebatte führen. Zudem werden innovative Ansätze nicht entwickelt.

Daran schloss Prof.'n Simone Seitz an. Inklusion muss in der Breite gedacht werden. Schwierig ist die starke Fokussierung der Inklusion als sonderpädagogisches Thema. Inklusion ist nicht die Frage, wie man mit schwierigen oder behinderten Schüler*innen umgehen kann. Inklusion ist eine Aufgabe des gesellschaftlichen Konsenses. Jedoch gestaltet es sich schwierig, wenn erst die Gesellschaft sich entwickeln muss, bevor die Inklusion realisiert werden kann. Darum muss unabhängig vom Konsens die Umsetzung der Inklusion in der Schule bestrieben werden.
Auch muss darauf geachtet werden, dass behinderte Menschen nicht mit dem „Normalitätsprinzip“ beurteilt werden. Es ist „normal“, wenn Menschen aller Art zusammen sind. Abwertungen durch „Differenzierungen“ sind konsequent zu vermeiden. Dazu bedarf es besonders der Innovationsfähigkeit der Lehrer*innen. Mentalitäten müssen sich mit der Zeit verändern. Veränderungen brauchen Gelegenheiten und Zwänge. Die Einführung von „Inklusionsklassen“ schafft ausschließlich eine Endsolidarisierung und verändert nicht die Denkhaltungen. Schulen brauchen Netzwerke, um gegenseitig von gelingenden Prozessen und Innovationen partizipieren zu können. Bildung muss verfügbar und zugänglich vor Ort sein, sie muss adressatenorientiert, dynamisch und wandelbar sein, um auf aktuelle Herausforderungen reagieren zu können. Bildung ist ein Recht von Kindern und nicht von Eltern.

Aus dem Bildungsministerium bezog Ralph Fleischhauer dazu Stellung. Er wies darauf hin, dass Lehrerstellen in bestimmten Handlungsfeldern nicht besetzt werden können und es wird Lehrer*innen geben, die mit bestimmten Fächerkombinationen nicht eingestellt werden. Jedoch werden in Schulen Stellen für nicht lehrendes Personal geschaffen. Das gilt besonders für Grundschulen. Er betont, dass Inklusion ein Aufgabe der allgemeinen Schule ist und nicht der sonderpädagogische Expertise. Auch im Bereich des gemeinsamen Lernens wird auf andere Berufsgruppen zugegangen, so dass multiprofessionelle  Teams entstehen.  Angebote für Inklusion werden gebündelt und in den Ressourcen gestärkt und ausgebaut.

Rainer Dahlhaus von der Landeselternschaft integrierter Schulen bezog sich direkt auf den Aufschlag von Prof.'n Bellenbeck, dass es nicht nur über Kompetenzen zu sprechen gilt, sondern auch über Allgemeinbildung.
Die Umsetzung der Inklusion hat die Eltern tief enttäuscht, was mit konkreten Beispielen sehr nachhaltig belegt wurde. Hingegen verdeutlichte Marlis Tepe, die Bundesvorsitzende der GEW, dass der Lehrermangel von der Politik mit zu verantworten ist. Es hätte andere Steuerungsmöglichkeiten gegeben, die die verheerende Situation, die in den nächsten zehn Jahren auf uns zukommt, verhindert hätten.

An einem äußerst dynamischen Abend wurde die spannungsreiche Debatte über die Bildung in NRW sachlich und mit sehr viel gegenseitiger Akzeptanz innovativ und tiefgründig diskutiert. Alle Beteiligten sagten einhellig, dass sie von den gehörten Positionen der anderen profitieren und diese in ihre weiteren Überlegungen mit einbeziehen werden.


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