Kinderarmut in Deutschland?

LKR Friedhelm Wixforth

Im Vergleich zu ungezählten Kindern in Kalkutta, Tirana, Johannesburg oder Port-au- Prince sind die Kinder von Hartz-IV-Empfängern in Deutschland märchenhaft reich. Die Armen vor unserer Haustür sind relativ arm. Aber gerade das ist bitter: „Sie haben die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit verloren“, schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung vom 20.5.2008. Und er fährt fort: „Deshalb konnte das soziale Netz als Hängematte diskreditiert werden. Deshalb konnte so getan werden, als seien Langzeitarbeitslose an ihrer Situation weitgehend selbst schuld. 

Die relativ Armen werden für relativ faul gehalten.“ Wer öffentlich sagt, er könne das Gejammer der angeblich Armen in Deutschland nicht mehr hören, kann Zustimmung erwarten. Um dieses bequeme Bewusstsein zu ändern, um die Mitverantwortung in Kirche und Gesellschaft bewusst zu machen, um Hintergründe und Folgen von Kinderarmut zur Sprache zu bringen, startet die westfälische Landeskirche jetzt eine Kampagne gegen Kinderarmut. Motto: „Lasst uns nicht hängen!“

Mangelde Teilhabe an der Gesellschaft

Denn hängen gelassen fühlen sich etwa Hartz-IV-Empfänger nicht nur, weil sie mit 347 Euro im Monat auskommen müssen. „Armut liegt nicht erst bei materieller Unterversorgung vor, sondern schon dann, wenn Menschen sich nicht mit ihren Fähigkeiten in das von allen geteilte Leben einbringen können“, erklärte Präses Alfred Buß bereits vor der Synode 2006. Armut ist also auch mangelnde Teilhabe an der Gesellschaft und im Extremfall der Ausschluss aus ihr. „Armut behindert Menschen darin, sich mit ihren Gaben zur eigenen Selbsterhaltung und zum Wohl aller einzusetzen“, so der Präses weiter. Er spricht von einem Teufelskreis – „kein Abschluss, keine Ausbildung, kein Job, kein Geld, keine Perspektive. Dieser Teufelskreis tangiert die Menschenwürde. Auch Kinder aus armen Verhältnissen müssen sich entwickeln, ihre Gaben entfalten und gleichberechtigt am wirtschaftlichen, sozialen und solidarischen Leben teilhaben können.“ Es geht um Kinder, die überwiegend von Pommes und Cola ernährt werden, den größten Teil ihrer Freizeit vor dem Fernseher verbringen und viel zu dick sind. Es geht um Kinder, die verschämt verschweigen, dass sie sich die 200 Euro teure Klassenfahrt nicht leisten können. Es geht um Eltern, die so sehr mit dem alltäglichen Kampf und Frust beschäftigt sind, dass sie ihren Kindern kaum Zuwendung geben können.
Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung leben gegenwärtig 2,5 Millionen Kinder in Armut oder sind davon bedroht, die Tendenz ist steigend. Dies bestätigt der UNICEF-Bericht „Zur Lage der Kinder in Deutschland“. Demnach sind fast zwei Drittel der Kinder von Hartz-IV-Empfängern arm. Von 2000 bis 2006 stieg die armutsgefährdete Schicht in Deutschland von 18,9 auf 25,4 Prozent an. Als gefährdet gilt dem Institut zufolge jemand, der unter 880 Euro im Monat zur Verfügung hat. Nach dem jetzt vorliegenden dritten „Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung liegt diese Grenze sogar bei nur 781 Euro netto im Monat. Die Schwelle, ab der jemand als arm gilt, ist damit deutlich gesunken. Noch 2005 setzte sie der Armutsbericht bei einem Einkommen von weniger als 938 Euro fest. Grund: Das Durchschnittseinkommen, das der Berechnung von Armut zugrunde liegt, ist gesunken.

Kindergipfel als Auftakt

Gleichzeitig explodierten die Vermögensgewinne der Wohlhabenden. Zwischen 2000 und 2006 wuchs der Anteil der Spitzenverdiener an der Bevölkerung von 18,8 auf 20,5 Prozent. Die Mittelschicht schrumpfte währenddessen von 62,3 auf 54,1 Prozent. Noch nie gab es so viel Vermögen in privaten Händen. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen fast 50 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die Chancen, Armut zu bekämpfen, sind also gut. Auftakt der landeskirchlichen Kampagne ist der 5. Kindergipfel vom 6. bis 8. Juni, zu dem 500 Kinder erwartet werden. Sie leben drei Tage miteinander in der Kindergipfelstadt im Park von Haus Villigst in Schwerte. Das Amt für Jugendarbeit sorgt für Spannung, Spaß, Spiel und kümmert sich darum, dass die Kinder ihre Sicht der Dinge und ihre Meinung zum Thema „Haben und nichts haben“ zum Ausdruck bringen können. So werden die Kinder zum Abschluss des Gipfeltreffens eine Resolution verabschieden und Postkarten verschicken. Ihre Stimme soll in der Kirche und darüber hinaus gehört werden. Zum Schulbeginn im August erhält Präses Buß eine Schultüte, deren Inhalt auf die Probleme, Sorgen und Nöte armutsgefährdeter Kinder hinweist. Weitere Stationen sind das Erntedankfest, Advent und Weihnachten, Ostern und die Konfirmation. Zeugnisse gibt es im Sommer 2009: Kinder benoten Politiker. Symbolträchtige Aktionen auf Marktplätzen sorgen für Aufmerksamkeit. So ist zum Beispiel geplant, unter dem Motto „Wir lassen uns doch nicht ausgrenzen“ eine Schranke als Grenzkontrollpunkt aufzubauen und damit den Platz in zwei Flächen zu teilen. Darauf werden Armutsprobleme und Lösungsansätze gegenübergestellt. Abschließend sollen auf der westfälischen Landessynode im November 2009 Zeichen gegen Kinderarmut gesetzt und Forderungen an die Politik beschlossen werden.

 
 
 
 
LKR Wixforth
 

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