Präses i. R. Alfred Buß auf der Pressekonferenz anlässlich des westfälischen Kindergipfels

Präses i. R. Alfred Buß

Anlässlich des Kindergipfels der Evangelischen Jugend von Westfalen, der den Auftakt der Kampagne "Lasst uns nicht hängen!" darstellte, gab es eine Pressekonferenz (Juni 2008), die über die Inhalte und Ziele der Kampagne informierte.

In diesem Zusammenhang sprach Präses Alfred Buß nachfolgende Worte:

Kinderarmut ist nichts Neues. Auch in früheren Zeiten gab es unzählige Kinder, denen das Nötigste zum Leben fehlte. Zum Beispiel im 19. Jahrhundert in England. Von den vielen Namenlosen sind zwei in die Literaturgeschichte eingegangen: David Copperfield und Oliver Twist. Der Dichter Charles Dickens hat sie erfunden und zu Titelhelden von zwei großen Romanen gemacht.

Charles Dickens wusste, wovon er schrieb. Mit zwölf Jahren musste er in einer Fabrik für Schuhpolitur arbeiten, um als einziger in der Familie wenigstens etwas Geld zu verdienen. Seine Romane hatten Erfolg. Die nackte Ausbeutung, die Geldgier und zynische Menschenverachtung, die er mitreißend schilderte, ließen das Bürgertum und die Politik nicht kalt. Plötzlich hatten die namenlosen Kindersklaven eine Lobby. England diskutierte über ein Armengesetz.

Kinderarbeit ist heute bei uns verboten, Gott sei Dank. Es gibt ein Geflecht aus mehr oder weniger wirksamer staatlicher Fürsorge. Und im Vergleich zu ganz vielen Kindern in Bangladesh, Rumänien, Malawi oder Honduras sind die Kinder von Hartz-IV-Empfängern in Deutschland märchenhaft reich. Die Armen vor unserer Haustür sind relativ arm.

Relativ arm - das sind Kinder, die überwiegend von Pommes und Cola ernährt werden. Kinder, die den größten Teil ihrer Freizeit vor dem Fernseher verbringen und viel zu dick sind. Kinder, die verschämt verschweigen, dass sie sich die 200 Euro teure Klassenfahrt nicht leisten können. Nachhilfe auch nicht. Ganz zu schweigen von Kinobesuch, Klavierunterricht, Reiten oder Ballett. Kinder, denen niemand vorliest. Auch Kinder, die zurückzucken, wenn ihnen jemand übers Haar streicht, weil sie Schläge oder Schlimmeres befürchten. Kinder, deren Eltern so sehr mit dem alltäglichen Kampf und Frust beschäftigt sind, dass sie nichts mehr an Zuwendung übrig haben.

Sie sind relativ arm. Aber gerade das ist bitter: Ihre Armut wird nicht anerkannt. Es geht ihnen ja noch gut. Das soziale Netz - eine Hängematte. Die Armen in Deutschland haben keine Lobby. Sie haben keinen Charles Dickens, der ihre Geschichten kunstvoll und aufrüttelnd erzählt.

Wir sehen uns herausgefordert, die Mitverantwortung in Kirche und Gesellschaft bewusst zu machen. Wir wollen die Stimme der Schwachen sein. Dazu bringen wir Hintergründe und Folgen von Kinderarmut zur Sprache. Deshalb starten wir als Evangelische Kirche von Westfalen jetzt eine Kampagne gegen Kinderarmut. Das Motto: „Lasst uns nicht hängen!"

Denn hängen gelassen fühlen sich etwa Hartz-IV-Empfänger nicht nur, weil sie mit 347 Euro im Monat auskommen müssen. „Armut liegt nicht erst bei materieller Unterversorgung vor, sondern schon dann, wenn Menschen sich nicht mit ihren Fähigkeiten in das von allen geteilte Leben einbringen können", habe ich vor unserer Landessynode 2006 gesagt. Armut ist also auch mangelnde Teilhabe an der Gesellschaft und im Extremfall der Ausschluss aus ihr. „Armut behindert Menschen darin, sich mit ihren Gaben zur eigenen Selbsterhaltung und zum Wohl aller einzusetzen." Es ist ein Teufelskreis - „kein Abschluss, keine Ausbildung, kein Job, kein Geld, keine Perspektive. Dieser Teufelskreis tangiert die Menschenwürde. Auch Kinder aus armen Verhältnissen müssen sich entwickeln, ihre Gaben entfalten und gleichberechtigt am wirtschaftlichen, sozialen und solidarischen Leben teilhaben können."

2,5 Millionen Kinder leben gegenwärtig in Armut oder sind davon bedroht, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Die Tendenz ist steigend. Und die Schwelle, ab der jemand als arm gilt, ist deutlich gesunken. Nur zwei Zahlen zum Vergleich: Nach dem jetzt vorliegenden dritten „Armuts- und Reichtumsbericht" der Bundesregierung liegt diese Grenze bei 781 Euro netto im Monat. Noch 2005 setzte sie der Armutsbericht bei einem Einkommen von weniger als 938 Euro fest. Grund: Das Durchschnittseinkommen, das der Berechnung von Armut zugrunde liegt, ist gesunken.

Gleichzeitig explodierten die Vermögensgewinne der Wohlhabenden. Zwischen 2000 und 2006 wuchs der Anteil der Spitzenverdiener an der Bevölkerung von 18,8 auf 20,5 Prozent. Noch nie gab es so viel Vermögen in privaten Händen. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen fast 50 Prozent des gesamten Nettovermögens.
 

Es gibt derzeit also recht gute Chancen, Armut zu bekämpfen.

 
 
 
 
Präses i. R. Buß
 

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