Jahrestagung des RU an Berufskollegs in Villigst

von Dr. Meinfried Jetzschke

Beheimatung und Begegnung

Der Islamische Religionsunterricht gehört ab sofort zu NRW
Darin waren sich alle Beteiligten der Jahrestagung für den Berufsschulreligionsunterricht einig, zu dem der Verband der ReligionslehrerInnen an Berufskollegs (VRB) und das Pädagogische Institut Villigst unter Überschrift der „Quo vadis‘ BRU in der multireligiösen Gesellschaft“ am 20.02. d.J. eingeladen hatten.
Den Anstoß zu dieser Tagung gab die Einführung des Faches Islamischer Religionsunterricht (IRU) in NRW als ordentliches Lehrfach mit Beginn des Schuljahres 2012/2013 und die damit verbundene Frage, wie sich dadurch mittelfristig der Schullalltag verändern wird.
„Gehört der Islam zu Deutschland? Auf jeden Fall gehört der Islamische RU ab sofort zu NRW“, so Dr. Meinfried Jetzschke, für die berufsbildenden Schulen zuständiger Dozent des PI in seinem Eingangsstatement: „ Religiöse Heterogenität ist für Sie alle seit vielen Jahren selbstverständlicher Alltag– und das nicht nur in Gelsenkirchen oder Herne.“ Als Konkretion nannte M. Jetzschke aktuelle Zahlen:
In Gelsenkirchen verteilt sich an der Grundschule die Religionszugehörigkeit so: 3018 Muslime, 2330 Kath. Christen und 1871 Evangelische; Herne: 1697 Muslime, 1344 Katholiken, 1491 Evangelische; Werdohl: 311 Muslime, 129 Katholiken, 175 Evangelische. „Was wird sich mittelfristig durch die Einführung des IRU ändern?“, so Jetzschke weiter. „Wird es dadurch einen Schub in Richtung 'Konfessionalität' geben nach dem Motto ‚Jetzt dürfen wir endlich IRU gem. Art 7.3. GG unterrichten und das werden wir auch konsequent umsetzen‘? Oder wird sich vielleicht doch durch diese Form der Gleichberechtigung von IRU, Evangelischem Religionsunterricht (ER) und Katholischem Religionsunterricht (KR) der Aspekt des interreligiösen Lernens verstärken in Richtung eines interreligiös-kooperativen Religionsunterrichts?“

Beheimatung durch Begegnung:

Der Religionsunterricht für alle (Rufa) in Hamburg
Dieses Konzept vertrat Hans-Ulrich Keßler, Leiter des Päd.–Theol. Instituts der Nordkirche und selbst einer der Hauptakteure bei der Umsetzung des Religionsunterrichts für alle (Rufa), der auch als ‚Hamburger Modell’ seit den 80er Jahren – als er offiziell eingeführt wurde - für intensiven Gesprächsstoff sorgt. Die Wurzelns des Rufa gehen bis in die Nachkriegszeit zurück, als die Katholische Kirche sich aus dem öffentlichen Religionsunterricht in Hamburg zurückzog, um sich auf die Errichtung von Kath. Privatschulen zu beschränken. Aus dieser ‚Not‘, für die ‚restlichen‘ SchülerInnen im Klassenverband einen Religionsunterricht zu organisieren, wurde im Laufe der Jahrzehnte eine durchreflektierte didaktische Tugend, die sich durch folgende Elemente auszeichnet: Unterricht im Klassenverband, offen für alle Religionen, Konfessionen und Konfessionslose. Mit Berufung auf den jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig verfocht Keßler sehr temperamentvoll die These, dass religiöse Identitätsbildung nicht die Beheimatung in der eigenen Religion voraussetzt, sondern vielmehr gerade durch und in der Begegnung mit anderen Religionen erfolgt. „Die Grenze ist der eigentliche Ort der Erkenntnis“ (Paul Tillich) und deshalb geschieht religiöse Identitätsbildung durch Grenzerfahrungen zwischen den Religionen. In der multikulturellen Gesellschaft, so Keßler, darf religiöse Identitätsbildung gerade nicht isoliert und abgeschirmt von den anderen erfolgen, will man der Gefahr der fundamentalistischen Verengung entgehen. “Fundamentalisten sind nicht in der Lage, Relativität und Verbindlichkeit als komplementäre Bewegungen des Glaubens zu entschlüsseln.“ Aber gerade dazu muss Religionsunterricht anleiten, begreiflich zu machen, dass Gott niemals „in einen persönlichen Besitz überführt werden kann“. In einem „kategorischen Imperativ der religiöser Bildung“ bündelte Keßler, wozu RU in der multireligiösen Gesellschaft beitragen muss: „Lebe deine Religiosität stets so, dass du deren Verbindlichkeit für dich selbst auch allen anderen für die ihre zumindest konzedierst.“ Wenn dieses dem Religionsunterricht gelingt, dann wird er auch kein Plausibilisierungs- oder Legitimierungsproblem haben. Die Abmeldequote des Rufa, so Hans-Ulrich Keßler, liegt in Hamburg unter 1%.

Erst Beheimatung, dann Begegnung:

Der Islamische Religionsunterricht (IRU) in NRW
So lässt sich im Unterschied zum Rufa der Ansatz beschreiben, den der Beirat des IRU vertritt, der in NRW die Rolle der Religionsgemeinschaft einnimmt. Nachdem Frau Tuba Isik, stellvertretende Vorsitzende des Beirats, leider kurzfristig absagen musste, war Naciye Kamcili-Yildiz eingesprungen, um über die aktuellen Entwicklungen im Kontext der Einführung des IRU in NRW zu berichten. Frau Kamcili-Yildiz ist Lehrerin, wurde an der Universität Osnabrück zur islamischen Religionslehrerin ausgebildet und ist sowohl an der Lehrplanentwicklung als auch an der Erstellung von Lehrbüchern beteiligt. Sehr präzise schilderte sie die Fakten, Hoffnungen und Probleme, die mit der Einführung des IRU in NRW verbunden sind. Grundsätzlich begrüßte sie die Einführung des IRU in dem Bundesland mit dem höchsten muslimischen Bevölkerungsanteil (320.000 muslimische SchülerInnen). Aber sie betonte auch die massiven Herausforderungen, die diese „creatio ex nihilo“, wie sie es nannte, mit sich bringt:
Lehrpläne, Lehrbücher, eine entsprechende Fachdidaktik, aber vor allem angemessen ausgebildete Lehrkräfte – all das muss gewissermaßen von ‚jetzt auf gleich‘ herbeigezaubert werden. Dass man sich dabei an den ‚etablierten‘ Fächern Evangelische und Katholische Religion orientiert, ist sicherlich verständlich, aber auch nicht unproblematisch und führt bisweilen zu Ergebnissen, die man durchaus als „Katholisierung des Islam“ bezeichnen kann (Leumundszeugnis des Imam; Idschasa in Analogie zu Missio und Vokation u.a.). Aber sie sprach auch die konkreten Probleme im Unterrichtsalltag an: die multinationalen Hintergründe der SchülerInnen, ihre Multikonfessionalität, ihre sehr unterschiedliche Verbundenheit zur eigenen Religion. Gerade auf diesem Hintergrund betonte Frau Kamcili-Yildiz in aller Deutlichkeit, dass das vordringliche Anliegen des IRU eine Beheimatung der Kinder und Jugendlichen in der eigenen Religion sein müsse. Auf diesem Fundament könne in den folgenden Jahren aufgebaut werden und wäre dann auch eine Begegnung auf Augenhöhe mit den anderen Religionen denkbar. Und - so ihre Zukunftsvision - wenn der IRU erst einmal etabliert und anerkannt ist, warum soll dann nicht auch interreligiöses Lernen oder eine Fächergruppe denkbar sein.

Beheimatung und Begegnung:

Auf gesicherter rechtlicher Basis
Identität und Verständigung - so lautete der Titel der 1994 erschienen EKD-Denkschrift zum Religionsunterricht und schon damals forderte sie einen zwar konfessionell verankerten, aber zugleich auf Dialog und Offenheit angelegten Religionsunterricht und schlug eine Fächergruppe „Religion-Ethik-Philosophie“ vor. Eben darauf bezog sich Landeskirchenrat Fred Sobiech vom Dezernat Bildung und Erziehung des LKA der EKvW in seinem Statement. Identität und Verständigung, Beheimatung und Begegnung, so Sobiech, dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern gehören untrennbar zusammen.
Aber gerade weil religiöse Beheimatung in einer der großen Erzählungen ein Menschenrecht ist, das Lebensmöglichkeiten eröffnet, und die Begegnung mit den anderen großen Erzählungen für ein umfassendes Bildungsverständnis unverzichtbar ist, darf der Religionsunterricht nicht im rechtsfreien Raum zum beliebigen Experimentierfeld werden. Sobiech plädierte deshalb für rechtlich abgesicherte Modelle konfessioneller - und auf Zukunft hin auch interreligiöser - Kooperation: „Wir sollten“, so Fred Sobiech, „auf den Dialog setzen. Den Dialog dieser drei großen Erzählungen und dazu Formen finden (…), die diesen Dialog ermöglichen: auf Augenhöhe, qualitativ angemessen, nachhaltig. Den schulischen Standards entsprechend. Aber eines sollten wir nicht tun. Am Religionsunterricht punktuell und kriterienfrei herumbasteln. Dazu ist er zu kostbar.“
Die anschließende Diskussion zeigte noch einmal den tiefen Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Eine Kollegin brachte ihre Sorge so auf den Punkt: „Unterrichten ohne Rechtsgrundlage macht mir nichts aus, aber Unterrichten ohne Kompetenz, das macht mir was aus.“ Damit ist auch die zukünftige Fortbildungsarbeit konkret angesprochen: „Ihr lasst uns mit unserer multireligiösen Schülerschaft allein.“ Interreligiöses Lernen bleibt aber ein frommer Wunsch ohne angemessene Zurüstung, ohne Fortbildungen, die dem multireligiösen und multikulturellen Alltag gerecht werden.
Mit dieser Tagung ist ein Anfang gemacht. Nicht mehr und nicht weniger.

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BRU-Jahrestagung am 20.02.
 

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