Protestantisches Profil heute - Aus guten Gründen evangelisch! Erziehungs- und Schulkonferenz - 7.11.2012 Bielefeld

Auszüge aus dem Vortrag von Prof. Dr. Hans-Martin Lübking.

I) 500 Jahre Reformation

Am 31. Oktober 1517 veröffent-lichte Martin Luther 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses. Der Thesenanschlag Luthers gilt als Beginn der Reformation. Luthers Tat löste eine weltweite Bewegung aus, welche die Menschen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und Nordamerika nachhaltig beeinflusste und die weltweit Spuren hinterließ. Die Reformation prägte neben Kirche und Theologie auch Musik und Kunst, Wirtschaft und Soziales, Sprache und Recht. Am 31. Oktober 2017 jährt sich der Thesenanschlag zum 500. Mal.

Darum möchte ich anlässlich des bevorstehenden Reformations-jubiläums danach fragen:Was waren die bleibend wichtigen Einsichten der Reformation, die auch heute nicht in Vergessenheit geraten sollten? Wo steht die Evangelische Kirche heute? Mit welchen Herausforderungen hat sie es zu tun? Und: Wie könnte protestantisches Profil heute aussehen?

II) Evangelisch aus gutem Grund – bleibende Einsichten der Reformation

1)    Was ist der Kern, das unterscheidende Profil des evangelischen Glaubens?Was ist in der Reformation wieder oder auch neu entdeckt worden? Was heißt es, ein evangelischer Christ zu sein? Gibt es zwischen Gott und mir noch andere, die den Glauben zu vermitteln oder zu regulieren haben? Die Reformation war die Wiederentdeckung des Kerns des Evangeliums, der bedingungslosen Liebe Gottes zum Menschen, die diesen von allen Bindungen befreit – befreit zum Dienst am Nächsten und an der Gemeinschaft. Diese Reformatorische Entdeckung war alles andere als harmlos. Luther machte die Bibel zur einzigen Richtschnur für religiöse Lehrmeinungen.  Wer diese Freiheit einmal geschmeckt hat – und den Geschmack nicht wieder vergessen hat, ist ein evangelischer Christ, eine evangelische Christin. Wer diese Freiheit geschmeckt hat, weiß, dass sie zugleich Verpflichtung ist. Freiheit ist kein persönlicher Besitz, sondern hat immer Auswirkungen im Verhältnis zu anderen. Was unsere Freiheit wert ist, zeigt sich daran, ob sie zu mehr Gerechtigkeit führt.

2)    Die Reformation als theologische Bewegung hat nach dem Kern des Evangeliums gesucht und daraus die ersten Konsequenzen für das persönliche und gesellschaftliche Leben sowie für die Gestalt und Organisation der Kirche gezogen.

a) Die Reformation führte zur Wiederentdeckung der religiösen Individualität. Es kommt auf die eigene persönliche Überzeugung an. Die Reformation hat die Gewissensfreiheit gefördert. In Glaubenssachen sollte es keinen Zwang geben: Nicht durch Gewalt, sondern durchs Wort …

b) Die Bibel wurde zur ausschließlichen Grundlage des christlichen Glaubens.
Die Reformation war auch eine Bildungsbewegung. Jeder sollte die Bibel selbst lesen und die Essentials des christlichen Glaubens selbst verstanden haben. Dem dienten auch die zahlreichen Katechismen der Reformationszeit, allen voran der Kleine Katechismus Luthers, das wohl einflussreichste Glaubenslernbuch der Kirchengeschichte.

c) Nach reformatorischem Verständnis sind alle Christen durch die Taufe dazu berufen und ermächtigt, im Sinne des Priestertums aller Gläubigen die Aufgaben der Kirche selbst zu übernehmen, zu beraten und zu entscheiden.

d) Ein Schlagwort der Reformation hieß: Ecclesia semper reformanda. Die Kirche muss ständig erneuert werden. Es gibt keine sacrosancten kirchlichen Strukturen, kein unantastbares Kirchenrecht, keine der Kritik entzogenen kirchlichen Verhältnisse.

e) Die Reformation förderte ein neues Berufsethos. Die Überzeugung, dass die gesamte Berufswelt Bewährungsfeld für das christliche Leben ist, setzte eine bis dahin unbekannte Dynamik des Wirtschaftens frei.

f) Im Verhältnis der Kirche zum Staat legte Luther Wert darauf, dass politische Institutionen keinen Zugriff auf den Glauben haben dürfen. Kirche und Staat sind klar unterschieden, haben völlig andere Aufgaben, doch Christen sind in beiden Bereichen tätig und müssen mögliche Spannungen in ihrer Person aushalten.

g) Die Reformation führte zur Konfessionalisierung des abendländischen Christentums. Das Christentum hat seine Gestalt nicht mehr in einer universalen Kirche, sondern in unterschiedlichen, prinzipiell gleichberechtigten Glaubensfamilien.

Letztlich hat die Konfessionalisierung dem Christentum den Bekenntnischarakter zurückgegeben. Jetzt musste man sich entscheiden und bekennen, wozu man gehören wollte; man konnte auch die Konfession wechseln, was vorher nicht möglich war.

III) Wo steht die Evangelische Kirche?

1)    Zurzeit gehören knapp zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland einer christlichen Kirche an. Katholische (24,5 Mill.) und Evangelische Kirche (23,9 Mill.) sind etwa gleich groß, gefolgt von Angehörigen der orthodoxen Kirche (1,3 Mill.) und 350.000 Mitgliedern evangelischer Freikirchen. Die zweitgrößte Gruppe der Bevölkerung stellen die Konfessionslosen dar – sie machen bundesweit etwa 29 Prozent aus (wobei ihr Anteil in Ostdeutschland bei 68 Prozent liegt).
In der Wahrnehmung der Evangelischen Kirche spielt diese jährlich leicht wachsende Gruppe der Konfessionslosen keine besondere Rolle. Das ist völlig unverständlich. Beide großen Kirchen befinden sich in Deutschland in einer Umbruchsituation. Sie haben ihre Monopolstellung in Religionsfragen verloren. Es gibt einen nie dagewesenen „Markt der Möglichkeiten“ im Blick auf religiöse Orientierungen.

Dabei möchte eine Mehrheit der Bevölkerung durchaus, dass es die Kirche gibt. Ihr diakonisches und karitatives Engagement, ihre erzieherische Funktion für Kinder und Jugendliche wird, das zeigen Umfragen immer wieder, besonders geschätzt. Und es ist in der Tat erstaunlich, was Evangelische und Katholische Kirche in Deutschland immer noch „auf die Beine stellen“.

Sie gehören zu den größten Arbeitgebern in Deutschland, sind die größten Träger freier Bildungseinrichtungen, unterhalten mehr als die Hälfte aller Kindertagesstätten und eine Unzahl von Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, Schulen und Ausbildungsstätten. Ohne die Kirchen ist der Sozialstaat in Deutschland nicht denkbar.

In der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist das große Engagement der Kirchen im kulturellen Bereich. Die Kirchen setzen etwa 20 Prozent ihrer Finanzen für ihre kulturellen Tätigkeiten ein (Musik, Bibliotheken, Kunstprojekte, offene Kirchen usw.) und stecken damit mehr Geld in die Kulturförderung als etwa die Bundesländer oder die Kommunen.

Nicht zurückgegangen ist die Teilnahme an der Konfirmandenarbeit, die sich zu einem der besten Angebote der Evangelischen Kirche entwickelt hat – und in ihrer Relevanz für die kirchliche Bildungsarbeit gar nicht zu überschätzen ist. Jedes Jahr werden knapp 250.000 Jugendliche in Deutschland konfirmiert. Anders als oft behauptet wird, nehmen viele dieser Jugendlichen auch anschließend Angebote der Kirchen wahr.
Insgesamt ist die Situation der Evangelischen Kirche noch relativ stabil – auch wenn im Einzelfall an der Arbeit und am öffentlichen Bild der Kirche manchmal berechtigte Kritik geübt wird. Drei Punkte werden häufig genannt:

Die Kirche wird oft wie eine große Behörde empfunden: schwerfällig, bürokratisch und nicht immer zeitgemäß.
Die Kirche wirkt oft wie ein geschlossener Verein: Außenstehende haben es mitunter schwer, in feste Gruppen und Kreise hineinzukommen.
Die Qualität kirchlicher Arbeit ist oft sehr uneinheitlich: es gibt lebendige Gemeinden und Gemeinden, in denen seit langem nichts mehr los ist; in der einen Kirche werden einladende und anspruchsvolle Gottesdienste gefeiert, in der anderen sind die Gottesdienste „todlangweilig“.
„Entscheidend für die zukünftige Entwicklung der Kirche ist die Frage, inwieweit es ihr gelingt, den Glauben an die nächste Generation zu vermitteln“ (EKD). Auf einen solchen Generationenvertrag konnten wir uns in der Kirche in früheren Zeiten so gut wie immer verlassen. Da die Bindung an die Kirche nach Auskunft aller Religionssoziologen hauptsächlich durch Einflüsse im eigenen Elternhaus hergestellt wird, liegt hier die größte Herausforderung und zugleich die unbestreitbare Priorität für kirchliche Arbeit.

b) Etwa 75 bis 80 Prozent der Kirchenmitglieder gehören nicht zu den kirchlich-Hochverbundenen, sondern zu den eher Distanzierten. Für eine große Mehrheit von ihnen kommt ein Kirchenaustritt nicht in Frage, für 10 bis 20 Prozent von ihnen aber doch. Knapp 150.000 Menschen treten jedes Jahr aus der Evangelischen Kirche aus, etwa 50.000 bis 60.000 treten wieder ein oder lassen sich als Erwachsene Taufen.

Es ist eine der wichtigsten Herausforderungen für die Evangelische Kirche, die Kontakte zu den 80 Prozent zu suchen, zu vertiefen und zu vergrößern. Wir haben als Kirche hier Möglichkeiten.

c) Für viele Menschen ist die Religion so sehr Privatsache geworden und die Distanzierung von verbindlichen Formen des Glaubens nimmt zu. Doch wo keine übernommene oder gelernte religiöse Sprache, keine Teilnahme an Riten und Festen und auch keine religiöse Verhaltenssicherheit mehr gegeben sind, wird der eigene Glaube undeutlich, sozial unsichtbar und verflüchtigt sich irgendwann. Die Privatisierung der Religion führt in die religiöse Sprachlosigkeit.

d) Über die Angebote der Ortsgemeinden erreichen wir nur noch einen kleinen Teil der Christen. Die Mehrheit der Kirchenmitglieder hat an den Angeboten der Ortsgemeinde gar kein Interesse, ordnet sich aber sehr wohl der Evangelischen Kirche als solcher zu. Hinzu kommt eine verbreitete Selbstgenügsamkeit vieler Ortsgemeinden.

Kirche ist mehr als eine Ansammlung von Ortsgemeinden, Kirche ist ein Gesamtunternehmen. Kommunikation des Evangeliums spielt sich nicht mehr allein in der Ortsgemeinde ab, sondern auch in der Schule, beim Kirchentag, bei uns in Haus Villigst oder in den Medien.

e) 20 Landeskirchen mit 20 Landeskirchenämtern und mit all den damit verbundenen Doppelstrukturen können wir uns auf Dauer nicht leisten. Es geht  vor allem um das für mich immer unerträglichere Ausmaß kirchlicher Selbstbeschäftigung. So entsteht der Eindruck: „Kirchenleute machen Kirche für Kirchenleute.“ Wir sind in der Kirche zweifellos zu sehr mit der Verwaltung der Kirche beschäftigt. Das raubt Zeit und Kräfte.

IV) Wie könnte protestantisches Profil heute aussehen?

1)    Bisher hat noch jede kirchliche Erneuerung mit der Wiederentdeckung der Bibel begonnen, nicht mit PR-Aktionen und Verwaltungsreformen. Die Reformation war eine Bibelbewegung. Heute jedoch ist die Bibel ein geschätztes, aber auch unter Christen unbekanntes Buch. Die Bibelkenntnisse nehmen ab.
Es ist wohl kein Zufall, dass der Bedeutungsverlust der Bibel zurzeit mit einer unverkennbaren Schwäche der evangelischen Theologie einhergeht. Theologische Diskussionen erreichen zurzeit die Öffentlichkeit nicht mehr. Theologie hat keine orientierende Funktion mehr. Vielleicht noch gravierender ist, dass auch unter den Pfarrerinnen und Pfarrern das Interesse an Theologie stark nachgelassen hat.

Theologie muss wieder interessanter werden! Was kann man tun? Ich plädiere für regelmäßige große Theologentage nach dem Muster unseres Lehrertages, für Tage der offenen Tür der theologischen Fakultäten, für allgemeinverständliche theologische Ringvorlesungen für alle, für theologische Wochen in und zwischen den Gemeinden, wie es sie früher schon gegeben hat, für eine Quotenregelung für theologische Themen bei Pfarrkonferenzen und Fortbildungsveranstaltungen.

2)    Glauben und Bildung war das Programm, das der Reformation zum Durchbruch verhalt. Jeder sollte die Bibel lesen können, um über die Wahrheit des christlichen Glaubens selbst urteilen zu können. Die Reformation zielte auf den selbständig denkenden und urteilenden Christen. Das ist evangelisches Profil – oder sollte ich besser sagen: das war einmal evangelisches Profil?

Machen wir und nichts vor: Wir haben es heute mit einem weit verbreiteten religiösen Analphabetismus zu tun.
Aus der Geschichte der DDR lässt sich studieren: Wer das Christentum erfolgreich bekämpfen will, muss es aus den für alle wichtigen, öffentlichen Bildungseinrichtungen vertreiben. In der Zukunft einer Wissens-, Medien- und Informationsgesellschaft wird die kompetente Präsenz der Evangelischen Kirche im Bildungsbereich noch an Bedeutung gewinnen.

3)    Für den Stellenwert der evangelischen Kirche in der Gesellschaft hängt viel davon ab, dass sie und wie sie ihren Platz in der Öffentlichkeit selbstbewusst wahrnimmt. Sie darf sich weder von den neuen antiklerikalen Bewegungen aus der Öffentlichkeit herausdrängen lassen noch in einem Akt von Selbstsäkularisierung sich in die Nischen der Ortsgemeinden zurückziehen. Die Kirche gehört in die Öffentlichkeit – oder sie hört auf, Kirche m Sinne der Bibel zu sein. „Gehet hin in alle Welt, heißt es im Missionsauftrag.

Auch in ihrem sozialen und gesellschaftlichen Engagement sollte eine Kirchengemeinde erkennbar sein. Gemeinden ohne Kontakte zu den Initiativen und Gruppen vor Ort, ohne Unterstützung für gesellschaftsdiakonische und soziale Projekte müssen immer mehr zur Ausnahme werden.
Ich betone die Öffentlichkeit der Kirche auch deshalb, weil es zurzeit auch in der Evangelischen Kirche von Westfalen die Versuchung gibt, sich vor allem auf die Arbeit in den Ortsgemeinden zu konzentrieren. Ich sage das deutlich: Das wäre der Weg weg von der Volkskirche hin zur engen Milieukirche – und damit ein Schritt der Selbstsäkularisierung.

4)    Gemessen an früheren Zeiten erleben wir zurzeit eine schleichende Klerikalisierung der Evangelischen Kirche. Gemeinden, kirchliche Gremien, Ausschüsse, Synoden – alles wird von Theologinnen und Theologen (und Juristen) bestimmt. So war das in der Reformation eigentlich nicht gemeint.
Der Protestantismus lebt durch die sogenannten „Laien“, die Nicht-Theologen – doch die gegenwärtige Verkirchlichung der Evangelischen Kirche höhlt die Bereitschaft der Laien aus, in der Kirche mitzuarbeiten.

5)    In einer stärker säkularen und pluralen Welt ist bei Protestanten und Katholiken das Bewusstsein gewachsen, als Christen zusammenzugehören und auch in der Öffentlichkeit erkennbarer gemeinsam aufzutreten. Doch auch wenn die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden großen Konfessionen in Deutschland größer sind als das Trennende, bleiben Unterschiede, über die ich nicht einfach hinwegsehen möchte. Grundsätzlich finde ich konfessionelle Verschiedenheiten eher bereichernd, wenn sie nicht Menschen belastend trennen.

Den Appell der prominenten Christen zur Überwindung der Kirchentrennung vom September finde ich darum sehr sympathisch. Er zeigt vor allem auch eine mehr als verständliche Unzufriedenheit mit verkrusteten Kirchenstrukturen und spitzfindigen Beschwichtigungsargumenten, vor allem auf katholischer Seite. Ich teile aber nicht den dort geäußerten Wunsch nach einer organisatorischen Einheit der Kirche. Ist eine solche Einheit der Kirche wirklich zu wünschen? Es ist daran zu erinnern: Am Anfang war nicht die Einheit, sondern die Vielfalt. Protestantisches Profil heißt hier: im Gespräch mit der katholischen Kirche mehr Selbstbewusstsein zeigen. Zu Minderwertigkeitsgefühlen besteht jedenfalls kein Anlass.

V) Ich komme zum Schluss. Es gilt, sich auf eine kleiner werdende Evangelische Kirche einzustellen, aber dennoch ein protestantisches Profil wiederzugewinnen. Dafür kann es nicht schaden, sich der Impulse aus der Reformation zu erinnern. Es sind damals doch auch wichtige Weichenstellungen getroffen worden, die bis heute gültig sind. Ein deutliches Profil ermöglicht Erkennbarkeit in einer unübersichtlich gewordenen Welt, ein erkennbar protestantisches Profil würde, da bin ich mir sicher, der Evangelischen Kirche in der Öffentlichkeit zugute kommen. 

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