Ich gönne mir das Wort Gott - Gott in der Literatur

Herbsttagung des Bundes evangelischer Religionslehrender

„Ich gönne mir das Wort von Gott“ -
 Neue Annäherungen an Gott in der Gegenwartsliteratur

Text und Bilder von Ulrike Purz

Unter diesem Titel referierte Prof. Dr. Georg Langenhorst (Augsburg) anlässlich der Herbsttagung des Bundes evangelischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer an den Gymnasien und Gesamtschulen in Westfalen und Lippe am 20.11.2012 in Villigst.

In seinen Vorträgen nahm er zwei Perspektiven auf die Frage nach dem Religiösen in der Literatur ein.
1.    Wie hat die Rede von Gott in der Literatur sich in den letzten 60/70 Jahren verändert?
2.    Mit welchem didaktischen Interesse gehen Pädagogen an Texte mit religiösen Inhalten? Und: Wenn Lehrer funktionsfrei Literatur lesen, erleben sie dann, dass Gott und Religion ihrer Lektüre auftauchen? 

Die Entwicklung der Rede von Gott seit den Fünfziger Jahren
Prof. Langenhorst stellte vier Epochen dar, in denen die Rede von Gott eine sehr unterschiedliche Präsenz in der zeitgenössischen Literatur hatte.
1.    Die klassische christliche Literatur bis 1960
Am Beispiel seiner Mutter, die Zeit ihres Lebens eine begeisterte und neugierige Leserin ist, stellt Langenhorst die Euphorie der Leser der 50er Jahre dar, die erleben durften, dass Religion die Hochliteratur prägte (Klepper, Bergengruen, Andres).
Autoren dieser Zeit verstanden sich als christlich Schreibende mit dem Verständnis eines literarischen Apostolates. Ihr Auftrag lag darin, das Christliche  in literarischer Form zu verkünden unter vollständigem Verzicht auf ästhetische Originalität und Kreativität. Niemand konnte so gut wie Martin Luther oder Paul Gerhard schreiben oder dichten. Vielmehr galt es, den immer feststehenden Inhalt ins Zeitgenössische hinein zu spiegeln, Gut und Böse zu zeichnen und klare moralische Aussagen zu treffen.
Was macht ein Werk zu religiöser Literatur? Es bedarf einer Dimension, die aus einer empirischen Wirklichkeit auf eine andere Dimension verweist.

2.    Das Zerbrechen der religiösen Literatur wird zum Thema
Seit Beginn der 60er Jahre setzen sich die Schriftsteller mit dem Bruch von Welt- und Spracherfahrung ihrer Zeit auseinander. Marie Luise Kaschnitz sieht sich selbst als Teil eines praktizierenden evangelischen Christentums, nicht aber als christliche Schriftstellerin. Neue Inhalte werden in eine Form gebracht, die das Zerbrechen spiegelt. „Die Sprache, die einmal ausschwang, dich zu loben zieht sich zusammen, singt nicht mehr, in unserem Essigmund“ (Tutzinger Gedichtkreis, 1957). Und Langenhorst fordert die Hörer auf, mit einem Schluck Essig im Mund ein Halleluja zu singen. – Die Autoren spüren, dass das Reden von Gott gebrochen ist. Böll: „ Wir sollten das Wort Gott für eine geraume Zeit aus dem Verkehr ziehen.“

3.    Religion als Tabuthema
In den 70er und 80er Jahren gilt Religion als die Krücke der geistig Armen. Autoren, die religiöse Themen in der Literatur verarbeiten, werden in den Feuilletons belächelt. Konfession, Religion und Gottesfrage verstummen. Es gibt wenige Ausnahmen: die jüdische Literatur, die sowieso als fremd gilt, Luise Rinser, die allerdings bis in ihren Nachruf hinein als „katholische“ Autorin dargestellt wird, und Kurt Marti, der durchweg eine hohe Anerkennung erfährt.

4.    Ein Aufbruch neuer religiöser Neugier
Ab 1989 verändert sich der Zugang der Autoren zum Religiösen. Sie können sich unbedarft an Religion und die Gottesfrage heranbegeben. Andreas Maier, auf den der Titel des Vortrages zurückgeht, „gönnt sich die Verwendung des Wortes Gott“ und schreibt einen Zyklus von 13 Romanen mit dem Ziel, den letzten allein Gott zu widmen. Gott als ein zentraler Bereich der Wirklichkeit, der außerhalb von uns liegt, kann wieder Thema sein. „Wir müssen uns nicht mehr der Religion erwehren. Sie greift uns nicht an“, sagt Michael Krüger 1998 auch in dem Wissen, dass die Kirchen die Autoren nicht mehr vereinnahmen können. Hanns-Josef Ortheil lässt seinen Protagonisten in Lo und Lu (2001) ein klares Bekenntnis zur Taufe seines Sohnes sprechen. Unbefangen, ohne den Rucksack der Religionskritik schreiben die zeitgenössischen Autoren in den unterschiedlichsten Spielarten, und Gott und Religion werden in vollkommener Freiheit betrachtet.
Als Beispiele dienen:
•    Michael Krüger: Rede des ev. Pfarrers (1998)
•    SAID: Psalmen (2007)
•    Kurt Marti: Du (2007) aus dem Band „Rühmungen“

Umgang mit Texten mit religiösen Inhalten in der Schule
Prof. Langenhorst stellt zwei Paradigmen vor mit dem Religiösen in der Literatur umzugehen.
Im Gefolge von Paul Tillich wird die Moderne als Gegebenheit anerkannt. Die Literatur liefert Fragen mit aktuellen Herausforderungen, die Theologie bemüht sich um neu formulierte Antworten im Kontext ihrer Tradition.
Bei Kuschel, dessen Schüler Langenhorst ist, gilt es die Autonomie der Literatur anzuerkennen und in einen gleichberechtigten Dialog aller beteiligten Partner zu treten.
Den Lehrern gibt Langenhorst fünf „Gewinndimensionen in der Betrachtung literarischer Texte für religiöse Lernprozesse“ an die Hand
•    Textspiegelung
Welchen Bezug gibt es zu literarischen Prätexten in Zitaten, Anspielungen, Stoffen u.a.? Welche religiösen Traditionen wurden aufgenommen? Welche Textdimensionen stehen einender gegenüber?
•    Sprachsensibilisierung
Wo liegt das produktive Erbe religiöser Sprache? Was kann und darf Sprache? Wie lässt sich mit Sprache Religiöses sensibel ausdrücken? Wie kann man das ohne Deutungshoheit erspüren?
•    Erfahrungserweiterung
Welche Erfahrungen aus der Welt der Autoren lassen sich erschließen? Wie können sie beim Leser zu neuen Erfahrungen führen? Was bedeuten sie für die eigene Identität und Identifikation?
•    Wirklichkeitserschließung
Welche neuen Auseinandersetzungen mit Blick nach vorne werden durch den Text freigesetzt? Welche Realitätsebenen bietet der Text? Wie kann die Mehrdimensionalität von Religion durch den Text erschlossen werden?
•    Möglichkeitsandeutung
Der von Robert Musil geprägte Begriff des „Möglichkeitssinns“ deutet an, was Literatur ermöglicht: Von Literaten ein Transzendenzverständnis zu lernen und dies mit dem eigenen zu vergleichen, eine Welt zu entwerfen und deren religiöse Möglichkeiten auszuprobieren, die Kraft von Vision aufzuspüren …

Als Beispiele für den Umgang mit den fünf Dimensionen dienen:
Hans Magnus Enzensberger: Vielen Dank für die Wolken
Christian Lehnert: Selig
Walter Helmut Fritz: Kain
In tiefem Respekt vor den Autoren und ihren Werken geht Prof. Langenhorst in den Dialog mit den von ihm gewählten Texten, seinen Zuhörern und ihren Deutungen und seiner eigenen Erfahrungswelt.

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