Erster ökumenischer Zukunftskongress zum Berufsschulreligionsunterricht

„Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen...“
(Martin Luther)

„Perfektion wird nicht erwartet!“
(Nikolaus Schneider)

Von Meinfried Jetzschke und Johan La Gro.

Die BerufsschulreligionslehrerInnen machen eine unverzichtbare Arbeit!
Mit diesen beiden Aussagen markierte der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, die beiden Eckpunkte seines Grußwortes, das er den dreihundert aus ganz Deutschland nach Frankfurt/M. gereisten BerufschulreligionslehrerInnen überbrachte:
Dank und Wertschätzung für eine Arbeit an der Schnittstelle zwischen Kirche und Arbeitswelt, die angesichts der vielfältigen innerkirchlichen Herausforderungen oft aus dem Blick gerät. In Deutschland erwerben dreimal mehr junge Leute einen Berufsabschluss als einen Hochschulabschluss. Dennoch sind die berufsbildenden Schulen als Orte, an denen sich Lebensentwürfe entscheiden, entwickeln und auch zerbrechen, selten im Wahrnehmungshorizont der kirchlichen Entscheidungsträger. Wer weiß schon, wo es eine berufsbildende Schule in seinem Heimatort gibt, wer diese Schule besucht, wie sie ausgestattet ist, was dort im Berufsschulreligionsunterricht im Alltag geschieht (s. benachbarten Artikel).
Der Berufsschulreligionsunterricht (BRU) braucht Öffentlichkeit!
Dieser Kenntislücke sollte mit dem ersten ökumenischen Zukunftskongress unter der Überschrift „Gott – Bildung – Arbeit“ entgegen gewirkt werden. Die Hochschule der Jesuiten St. Georgen in Frankfurt war Gastgeber. Gekommen waren ReligionslehrerInnen, Vertreter der evangelischen Landeskirchen und der katholischen Bistümer, Verantwortliche aus den Schulministerien und Religionspädagogen aus Hochschulen und kirchlichen Fortbildungsinstituten. Alle, die für das Gelingen des Religionsunterrichts an berufsbildenden Schulen Verantwortung tragen und denen es ein Herzensanliegen ist, dass dieser „vergessenen Majorität“ (Thomas Klie) mehr öffentliches Interesse erhält.
Der Mensch ist Mittelpunkt, Ursprung und Ziel allen Wirtschaftens!
Mit seinem Zuruf „Perfektion wird nicht erwartet!“ ermutigte der Ratsvorsitzende die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer auf ihre Grenzen zu achten und sich von den schwierigen Arbeitsbedingungen (oft nur Einzelstunden, Randstunden, große Heterogenität, die eigentlich mehr Zeit erfordert …) nicht aufreiben zulassen. Zugleich brachte er damit den Kern des Unterrichts, die Rechtfertigungsbotschaft, auf den Punkt: Arbeit ist kostbar, Arbeit ist persönlichkeitsstiftend; aber: Arbeit ist nicht alles, Leistung ist nicht alles!
Mit dieser Einschätzung kamen sich Nikolaus Schneider und Erzbischof Hans-Josef Becker aus Paderborn (Vorsitzender der Bildungs- und Erziehungskommission der Deutschen Bischofkonferenz)  sehr nahe: „Der Mensch ist Mittelpunkt, Ursprung und Ziel aller Wirtschaft!“ „Religion wird nicht überall auf die Privatsphäre beschränkt “. Der Religionsunterricht „eine heilsame Herausforderung, die religiöse Sprachfähigkeit wieder zu gewinnen“, so der Erzbischof. 
Religion als Ressource erfordert religiöse Alphabetisierung
Religion ist ein Menschenrecht! Aber – um dieses Menschenrecht aktiv ausüben zu können, bedarf es einer religiösen Sprachfähigkeit, die zunehmend verloren geht. Mit der Sprache geht zugleich der Verlust einher, Religion als eine Ressource, als eine Kraftquelle zu erleben, die einen durch das Scheitern und die Begrenztheiten des Lebens hindurch tragen kann. Sicherheit in schwierigen Lebenslagen und Widerstandsfähigkeit gegen negative und widrige Umstände – dazu kann ein tief empfundener Glaube Menschen jedes Alters befähigen. Dies erläuterte Fritz Oser Schweizer Religionspädagoge und -psychologe mit vielen Beispielen aus seinen Forschungsergebnissen.
BRU fördert Dialogfähigkeit und interkulturelle Kompetenz
Junge Erwachsene lernen in ihren Schulklassen miteinander und voneinander als evangelische, katholische und freikirchliche Christen, als religiös Ungebundene, als Muslime und Aleviten, auch als Buddhisten, Hindus und Juden. Das ist im Religionsunterricht mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Religion als Lebenshilfe; aber zu Recht weist Becker darauf hin, dass der „Religionsunterricht nicht zu einem Ethikunterricht auf christlicher Grundlage werden“ darf.
BRU als Praxis des Glaubens
Etwa 300.000 junge Menschen in Deutschland befinden sich im „Übergangssystem“ zwischen Schule und Berufsausbildung, in Berufsvorbereitungsjahren, Berufsgrundschuljahren oder Qualifizierungsmaßnahmen freier Träger. Viele Jugendliche können keinen passenden Ausbildungsplatz finden und müssen eine Ausbildung beginnen, die sie eigentlich nicht wollen. Etwa jeder vierte bricht die Ausbildung ab. Der Religionsunterricht soll Jugendlichen den Glauben „als Praxis und nicht als bloße Sprachfähigkeit“ anbieten, so der Frankfurter  Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Jugendliche sollen im Religionsunterricht befähigt werden, ihre eigene Geschichte zu erzählen, um Selbstbewusstsein zu gewinnen und ihre Situation zu verändern.
BRU als Laboratorium der Ökumene
Dass der Religionsunterricht an beruflichen Schulen ein „herausragendes Feld ökumenischer Arbeit“ ist, wie Nikolaus Schneider betonte, wurde von den Teilnehmern des Kongresses durchweg geteilt. Allerdings zeigen sich zwischen den Bundesländern erhebliche Unterschiede. Während in Niedersachsen und Baden-Württemberg Vereinbarungen zwischen den evangelischen und katholischen Kirchen und dem Bundesland einen gemeinsamen konfessionellen Religionsunterricht ermöglichen, ist dies an den meisten Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen zwar die Praxis, allerdings ohne Erlaubnis und Unterstützung der Kirchen. Alle Versuche, hier zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, sind bisher gescheitert.
Mit der
„Frankfurter Erklärung zur Zukunftsfähigkeit des Berufsschulreligionsunterrichts (BRU)“
gaben die drei Universitätsinstitute  für berufsorientierte Religionspädagogik (das evangelische bibor in Bonn, das katholische KIBOR und das evangelische EIBOR in Tübingen), die zu dem Kongress eingeladen hatten, zum Abschluss allen Beteiligten eine Steilvorlage, um den Berufsschulreligionsunterricht auch in Zukunft in Wirtschaft, Politik, Kirche und Gesellschaft im Gespräch zu halten. Die selbstkritische Mahnung im Schlusswort von Präses Schneider „Ich sehe uns als Kirche hier in der Verantwortung“ klang sehr verheißungsvoll!

Meinfried Jetzschke / Johan La Gro

Die BerufsschulreligionslehrerInnen machen eine unverzichtbare Arbeit!
Mit diesen beiden Aussagen markierte der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, die beiden Eckpunkte seines Grußwortes, das er den dreihundert aus ganz Deutschland nach Frankfurt/M. gereisten BerufschulreligionslehrerInnen überbrachte:
Dank und Wertschätzung für eine Arbeit an der Schnittstelle zwischen Kirche und Arbeitswelt, die angesichts der vielfältigen innerkirchlichen Herausforderungen oft aus dem Blick gerät. In Deutschland erwerben dreimal mehr junge Leute einen Berufsabschluss als einen Hochschulabschluss. Dennoch sind die berufsbildenden Schulen als Orte, an denen sich Lebensentwürfe entscheiden, entwickeln und auch zerbrechen, selten im Wahrnehmungshorizont der kirchlichen Entscheidungsträger. Wer weiß schon, wo es eine berufsbildende Schule in seinem Heimatort gibt, wer diese Schule besucht, wie sie ausgestattet ist, was dort im Berufsschulreligionsunterricht im Alltag geschieht (s. benachbarten Artikel).
Der Berufsschulreligionsunterricht (BRU) braucht Öffentlichkeit!
Dieser Kenntislücke sollte mit dem ersten ökumenischen Zukunftskongress unter der Überschrift „Gott – Bildung – Arbeit“ entgegen gewirkt werden. Die Hochschule der Jesuiten St. Georgen in Frankfurt war Gastgeber. Gekommen waren ReligionslehrerInnen, Vertreter der evangelischen Landeskirchen und der katholischen Bistümer, Verantwortliche aus den Schulministerien und Religionspädagogen aus Hochschulen und kirchlichen Fortbildungsinstituten. Alle, die für das Gelingen des Religionsunterrichts an berufsbildenden Schulen Verantwortung tragen und denen es ein Herzensanliegen ist, dass dieser „vergessenen Majorität“ (Thomas Klie) mehr öffentliches Interesse erhält.
Der Mensch ist Mittelpunkt, Ursprung und Ziel allen Wirtschaftens!
Mit seinem Zuruf „Perfektion wird nicht erwartet!“ ermutigte der Ratsvorsitzende die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer auf ihre Grenzen zu achten und sich von den schwierigen Arbeitsbedingungen (oft nur Einzelstunden, Randstunden, große Heterogenität, die eigentlich mehr Zeit erfordert …) nicht aufreiben zulassen. Zugleich brachte er damit den Kern des Unterrichts, die Rechtfertigungsbotschaft, auf den Punkt: Arbeit ist kostbar, Arbeit ist persönlichkeitsstiftend; aber: Arbeit ist nicht alles, Leistung ist nicht alles!
Mit dieser Einschätzung kamen sich Nikolaus Schneider und Erzbischof Hans-Josef Becker aus Paderborn (Vorsitzender der Bildungs- und Erziehungskommission der Deutschen Bischofkonferenz)  sehr nahe: „Der Mensch ist Mittelpunkt, Ursprung und Ziel aller Wirtschaft!“ „Religion wird nicht überall auf die Privatsphäre beschränkt “. Der Religionsunterricht „eine heilsame Herausforderung, die religiöse Sprachfähigkeit wieder zu gewinnen“, so der Erzbischof.  
Religion als Ressource erfordert religiöse Alphabetisierung
Religion ist ein Menschenrecht! Aber – um dieses Menschenrecht aktiv ausüben zu können, bedarf es einer religiösen Sprachfähigkeit, die zunehmend verloren geht. Mit der Sprache geht zugleich der Verlust einher, Religion als eine Ressource, als eine Kraftquelle zu erleben, die einen durch das Scheitern und die Begrenztheiten des Lebens hindurch tragen kann. Sicherheit in schwierigen Lebenslagen und Widerstandsfähigkeit gegen negative und widrige Umstände – dazu kann ein tief empfundener Glaube Menschen jedes Alters befähigen. Dies erläuterte Fritz Oser Schweizer Religionspädagoge und -psychologe mit vielen Beispielen aus seinen Forschungsergebnissen.
BRU fördert Dialogfähigkeit und interkulturelle Kompetenz
Junge Erwachsene lernen in ihren Schulklassen miteinander und voneinander als evangelische, katholische und freikirchliche Christen, als religiös Ungebundene, als Muslime und Aleviten, auch als Buddhisten, Hindus und Juden. Das ist im Religionsunterricht mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Religion als Lebenshilfe; aber zu Recht weist Becker darauf hin, dass der „Religionsunterricht nicht zu einem Ethikunterricht auf christlicher Grundlage werden“ darf.
BRU als Praxis des Glaubens
Etwa 300.000 junge Menschen in Deutschland befinden sich im „Übergangssystem“ zwischen Schule und Berufsausbildung, in Berufsvorbereitungsjahren, Berufsgrundschuljahren oder Qualifizierungsmaßnahmen freier Träger. Viele Jugendliche können keinen passenden Ausbildungsplatz finden und müssen eine Ausbildung beginnen, die sie eigentlich nicht wollen. Etwa jeder vierte bricht die Ausbildung ab. Der Religionsunterricht soll Jugendlichen den Glauben „als Praxis und nicht als bloße Sprachfähigkeit“ anbieten, so der Frankfurter  Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Jugendliche sollen im Religionsunterricht befähigt werden, ihre eigene Geschichte zu erzählen, um Selbstbewusstsein zu gewinnen und ihre Situation zu verändern.
BRU als Laboratorium der Ökumene
Dass der Religionsunterricht an beruflichen Schulen ein „herausragendes Feld ökumenischer Arbeit“ ist, wie Nikolaus Schneider betonte, wurde von den Teilnehmern des Kongresses durchweg geteilt. Allerdings zeigen sich zwischen den Bundesländern erhebliche Unterschiede. Während in Niedersachsen und Baden-Württemberg Vereinbarungen zwischen den evangelischen und katholischen Kirchen und dem Bundesland einen gemeinsamen konfessionellen Religionsunterricht ermöglichen, ist dies an den meisten Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen zwar die Praxis, allerdings ohne Erlaubnis und Unterstützung der Kirchen. Alle Versuche, hier zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, sind bisher gescheitert.
Mit der
„Frankfurter Erklärung zur Zukunftsfähigkeit des Berufsschulreligionsunterrichts (BRU)“
gaben die drei Universitätsinstitute  für berufsorientierte Religionspädagogik (das evangelische bibor in Bonn, das katholische KIBOR und das evangelische EIBOR in Tübingen), die zu dem Kongress eingeladen hatten, zum Abschluss allen Beteiligten eine Steilvorlage, um den Berufsschulreligionsunterricht auch in Zukunft in Wirtschaft, Politik, Kirche und Gesellschaft im Gespräch zu halten. Die selbstkritische Mahnung im Schlusswort von Präses Schneider „Ich sehe uns als Kirche hier in der Verantwortung“ klang sehr verheißungsvoll!


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Frankfurter Erklärung zur Zukunftsfähigkeit des BRU

Download der gesamten Frankfurter Erklärung 2012 (pdf).

Religion am Berufskolleg unterrichten

Von Johan La Gro.

Aus der Unterrichtswoche eines Religionslehrers am Berufskolleg
Montag, zweite Stunde: Auszubildende zum Heizungsbauer, zweites Lehrjahr. Es geht um die Frage, wie man sich in betrieblichen Konflikten sinnvoll verhalten kann. Ein besonderer Wunsch der Schüler zu Beginn der Bearbeitung war, das eigene Selbstvertrauen zu stärken. Nun besteht die Aufgabe darin, eine Situation nachzuspielen, die zu einer größeren Selbstsicherheit beigetragen hat.
Montag, fünfte und sechste Stunde: berufliches Gymnasium, Fachrichtung Erziehungswissenschaft. Hier wird in der 12. Klasse zielgerichtet auf das Zentralabitur (Religion als mögliches drittes schriftliches Abiturfach) hingearbeitet. Es geht darum, die Selbstoffenbarung Gottes mit dem Namen JHWH aus dem 2. Buch Mose zu verstehen. Grundsätzliche Fragen stellen sich. Kann ein Dornbusch brennen, ohne zu verbrennen? Warum hat Gott den Tod der ägyptischen Kinder gewollt, als er die Plagen über Pharao schickte? Der Religionslehrer versucht, zwischen historischer Wirklichkeit, erzählerischer Absicht und literarischem Zusammenhang zu unterscheiden. Ein nachdenkliches Gespräch entwickelt sich.
Dienstag, erste und zweite Stunde: angehende Zimmerleute (zweites Ausbildungsjahr) arbeiten an Plakaten, auf denen sie die Baustile Romanik, Gotik, Renaissance und Barock darstellen. Selbstverständlich werden dabei Kirchbauten mit einbezogen. Später werden sie typische Darstellungen des gekreuzigten Jesus aus diesen Stilepochen kennen lernen und vergleichen.
Dienstag, dritte und vierte Stunde: Zukünftige Erzieherinnen setzen sich mit den Theorien zur religiösen Entwicklung von James W. Fowler und Anna Katharina Szagun auseinander. Die dort beschriebenen Entwicklungsstufen werden in Gruppen erarbeitet und der gesamten Lerngruppe vorgestellt.
Mittwoch, zweite Stunde: Im Berufsgrundschuljahr (Farb- und Raumgestaltung) haben die Schülerinnen und Schüler all die kleinen illegalen Sachen anonym zusammengetragen, die sie schon einmal gemacht haben: Das Mofa tunen, illegale Downloads, Ladendiebstahl, Körperverletzung usw. Jetzt sortieren sie die Delikte nach ihrer Schwere und begründen dies mit ihrem moralischen Empfinden. Später werden sie ihre eigene Einschätzung mit moralischen Grundsätzen vergleichen, unter anderem mit der „goldenen Regel“ (Mt 7,12).
Mittwoch, dritte und vierte Stunde: Fachoberschüler setzen sich mit dem Verhältnis von Schöpfung und Evolution auseinander. Nachdem sie die Grundgedanken der Evolutionstheorie und den Text der biblischen Schöpfungsgeschichten erarbeitet haben, geht es nun um das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft. Zum Abschluss stellen sie ihre persönliche Verhältnisbestimmung jeweils in einer Skizze dar. Die meisten wollen einen Zugang finden, der beides ermöglicht: Glauben und wissenschaftliches Denken.

 
 
 
 
Zukunftskongress zum BRU
 

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