Am 13. Januar fand in der Katholischen Akademie Schwerte eine Fachtagung zur interreligiösen Weiterentwicklung des konfessionellen Religionsunterrichts in Nordrhein-Westfalen statt. Beteiligt waren insgesamt 38 Professor*innen, Fachleiter*innen, Lehrer*innen sowie Verantwortliche aus der kirchlichen Arbeit mit Schulen. Ausgangspunkt für die Tagung waren die „Thesen für einen zukunftsfähigen Religionsunterricht in NRW“, die die Evangelischen Landeskirchen und Katholischen Diözesen in Nordrhein-Westfalen 2022 veröffentlicht haben. In These 6 werden „Interreligiöse Module“ als Gestaltungsform vorgeschlagen, um die Dialogkultur und die Pluralitätsfähigkeit der Schüler*innen zu fördern.
Prof. Clauß-Peter Sajak stellte heraus, dass mit „Interreligiösen Modulen“ der konfessionelle RU (learning in religion) mit einem religionskooperativen Modell (learning from religion) verbunden werden kann, ohne auf ein religionskundliches Modell zuzugehen (learning about religion). In mehreren Beiträgen wurde betont, dass authentische Begegnungen mit den anderen Religionen stattfinden sollen, damit die intrareligiöse Vielfalt der einzelnen Religionen wahrgenommen werden kann und so Essenzialisierungen vermieden werden (Dr. Annette Boeckler, Prof. Klaus von Stosch, Prof. Jan Woppowa u. a.).
Thematisch muss im interreligiösen Lernen die gelebte Spiritualität vorkommen (Prof. Antje Roggenkamp). Gleichzeitig ist es wichtig, gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen: Das gilt insbesondere für den Nahost-Konflikt (Rosa Rappoport). Grundsätzlich kommt es darauf an, positive interreligiöse Narrative anzubieten, die ein Gegengewicht zur verbreiteten Wahrnehmung von miteinander verfeindeten Religionen bilden (Prof. Mouhanad Khorchide).
Prof. Mouhanad Khorchide regte an, interreligiöses Lernen in eine „Theologische Verantwortungsgemeinschaft“ einzubetten. Die unterschiedlichen Religionen treten gemeinsam dafür ein, dass Religion gelebt werden kann: Wer eine andere Religion angreift, greift auch die eigene Religion an. Zur Verantwortungsgemeinschaft gehört auch ein gemeinsames Engagement für religiöse Bildung.
Vorgestellt wurden die interreligiösen Modellprojekte der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck (Jannika Haupt) und der Evangelischen Johannes-Löh-Gesamtschule in Burscheid (Angelika Büscher, Esra Aktas, Rahel Knebel). An beiden Schulen ist die interreligiöse Perspektive von der 5.Klasse bis zur Oberstufe im Blick: Sie wird durch mehrere Dialogprojekte, spirituelle Angebote und in wechselnden Lerngruppen-Konstellationen umgesetzt.
Interreligiöses Lernen findet auch im Referendariat statt. Fachleiter*innen der Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung in Essen (Annette Maschmeier, Ute Lonny-Platzbecker, Yassine Abid) und Dortmund (Mirjam Sorg) stellten die Zusammenarbeit der Fachseminare Evangelischer, Katholischer und Islamischer RU an ihren Standorten vor. Es werden religionskooperative Seminarsitzungen durchgeführt, in denen es um das interreligiöse Miteinander, um thematische Schwerpunkte sowie um außerschulische Lernorte geht. Das Dortmunder Seminar organisiert zum Ende der Ausbildung eine interreligiöse Begegnungsfahrt.
Die Wichtigkeit einer interreligiösen Weiterentwicklung des RU zeigt sich auch an den neuen Religions-Kernlehrplänen für die Gymnasiale Oberstufe in NRW, die vor kurzem für die Beteiligungsverfahren veröffentlicht wurden: Dort wird die Bedeutung des interreligiösen Dialogs hervorgehoben, die weitgehende strukturelle Kompatibilität der Lehrpläne der verschiedenen Religionen schafft mehr Möglichkeiten zur Kooperation untereinander.
Auf der Tagung waren alle drei Phasen der Religionslehrkräftebildung vertreten (Studium, Referendariat, kirchliche Fortbildung): So wurde die im jüngst erschienenen EKD-Text zur Professionalisierung der Lehrkräftebildung geforderte engere „Verzahnung der drei Phasen – Studium, Referendariat und Fortbildung“ in der Zusammensetzung realisiert. Geplant und durchgeführt wurde die Veranstaltung von den drei kirchlichen Lehrkräftefortbildungsinstituten in NRW (Institut für Lehrerfortbildung der Bistümer, Pädagogisches Institut der westfälischen Landeskirche, Pädagogisch-Theologisches Institut der rheinischen Landeskirche). Das Leitungsteam bildeten Dr. Isabel Schneider-Wölfinger (PTI), Ferdinand Claasen (ifl) und Marco Sorg (PI).