Der Jahreswechsel ist noch nicht so lange her.
Ich habe ihn in diesem Jahr nicht so unbeschwert erlebt wie in anderen Jahren.
Zu viele Krisen drängten sich immer wieder in meine Silvesterstimmung:
Ein Artikel im Magazin der SZ hat mich sehr angesprochen. Der Autor Thomas Bärnthaler sprach mir förmlich aus der Seele und in die Seele hinein.
„Wie viele Hiobsbotschaften von der Virusfront kann eine Gesellschaft verkraften, ohne irre zu werden? Sie ist ja schon irre genug!“ So seine Ausgangsfrage. Und er beschreibt verschiedene Mechanismen, mit denen die Menschen die Hiobsbotschaften unserer Tage kompensieren – verdrängen?
Ich merke an mir selbst, dass ich für meine Seelenhygiene hin und wieder abschalten muss. Dass ich mir nur noch begrenzt Katastrophenmeldungen nahekommen lassen kann – und dann aber auch nicht zu nahe. Habe ich z. B. zu Beginn der Pandemie noch fast täglich den Ausführungen von Christian Drosten im Podcast gelauscht, tue ich das jetzt nicht mehr. Mir reichen die Nachrichten am Abend und die Zeitung am Morgen. Und das auch bezogen auf all die anderen Nachrichten jenseits von Corona.
Ich habe schon lange vor Corona gespürt, dass manche Bilder sich so in meinem Kopf einnisten, dass ich sie nicht mehr loswerde: Ein verhungerndes 14-jähriges Mädchen im Jemen… schon einige Wochen her. Manche solcher Bilder bringen mich tatsächlich um den Schlaf. Und Horrorvisionen von einer Apokalypse und dem Untergang der Welt lähmen mich, machen mich handlungsunfähig. Sie rauben mir die Lebensfreude und die Hoffnung, die ich brauche, um Gegenvisionen zu entwickeln.
Ja, ich gebe zu, dass ich manchmal abends irgendwelche Wohlfühlfilme schaue. Filme, bei denen ich weiß, dass keine schrecklichen Bilder meine Seele erreichen und dass sie irgendwie auch einen guten Ausgang haben werden. Ich lese und höre auch manchmal Bücher, bei denen ich nicht in weitere Untiefen gestürzt werde. Ich sehe einen Sonnenaufgang und denke „what a wonderful world“ – ohne gleich wieder vor Augen zu haben, dass das alles bald zerstört sein wird. Ich lasse mich hin und wieder gerne von Bach oder sanftem Jazz in eine heile Welt versetzen. Oder – ja – ich esse gerne gutes Essen und trinke leckeren Wein dazu – sitze mit Freunden zusammen und lache über hirnlosen Blödsinn.
Man nennt so etwas Eskapismus – Flucht vor der Realität.
Thomas Bärnthaler hat in seinem Artikel nicht verschwiegen, dass der Eskapismus einen schlechten Ruf hat. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „sich davon machen“. Es ist verantwortungslos und egoistisch, wenn man die Probleme der Welt nicht ernst nimmt und sich davon macht.
Ich gestehe freimütig, dass ich sie brauche, diese zwischenzeitliche Träumerei. Ich brauche schöne Bilder – heilsame Bilder gegen all das Schwere und Beunruhigende.
Da ich Christin bin, habe ich aber noch eine andere Möglichkeit nicht irre zu werden an all den Hiobsbotschaften unserer Zeit, und das ist Vertrauen. Auch dafür gibt es Bilder – Bilder aus der Bibel.
Ich werde MEINE Bilder herausgreifen, die ich manchmal ganz bewusst gegen die Schreckensbilder im Fernsehen setze (z. B. vor dem Einschlafen).
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Die grünen Auen, die ich im Odenwald durchwandere.
Darauf friedlich grasende Schafe.
Die Erinnerung an eine Quelle, aus der frisches Wasser sprudelte, dass mir den Durst auf einer langen Wanderung löschte.
Er erquicket meine Seele.
Fröhliches, unbeschwertes Lachen – Kraft und Zuversicht.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Bei all den selbst ernannten Führern unserer Tage – In all den schwierigen Entscheidungen, den ethischen Dilemmata unserer Zeit –
Ich habe einen Orientierungspunkt.
Ich kann mich führen lassen von diesem HERRN und ihm vertrauen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück;
Denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Es geht nicht um weltabgewandte Träumerei –
Die dunklen Täler bleiben.
Aber sie verlieren ihre Schrecken.
Ich bin darin nicht allein.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Ja, es gibt sie, die feindliche Welt mit allem, was ich zu Beginn geschildert habe.
Aber ich darf davon Abstand nehmen – aus diesem Abstand betrachten, gesalbt und beschenkt.
Und dann gestärkt wieder weiter gehen.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Ein Haus, ein Dach, Geborgenheit.
Zuhause.
Mein Leben lang.
Ein Zuhause, zu dem ich immer wieder zurückkehren kann.
Ja, ich trage Verantwortung – als Mensch, als Christin als Bürgerin.
Davor kann ich mich nicht davon machen.
Aber hin und wieder kann ich heilvolle Bilder gegen die Hiobsbotschaften der Tage setzen.
Meine Sorge für meine Seele.
Amen.