365 Tage des Schreckens…

Ein Jahr nach dem Beginn des Ukraine-Krieges – bleibet hier und wachet mit mir!

Gedanken zum Jahrestag des Kriegsausbruchs von Jutta Neumann

Der 24. Februar 2022 hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis gegraben. Von einer „Zeitenwende“ sprach der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz. Und in der Tat ist nach diesem Tag Vieles auf verstörende Weise anders als zuvor. Die Bemühungen um Abrüstung der letzten Jahrzehnte, das Motto „Wandel durch Handel“, die Hoffnung, dass der Wille nach Frieden der Gewalt trotzen kann – „Frieden schaffen ohne Waffen“, dafür bin ich einst auf die Straße gegangen…

365 Tage Krieg – 365 Tage Schrecken!

Die Bilder in den Nachrichten sind kaum auszuhalten. Zerstörte Häuser, zerstörte Existenzen, flüchtende Menschen (zumeist Frauen mit ihren Kindern), Menschen in Bunkern und in U-Bahn-Stationen, die Schutz vor den Bombenangriffen des russischen Militärs suchen, Alte und Kranke, ausgezehrte Menschen vor den Ruinen ihrer kleinen Häuser mit Gaskochern.

365 Tage Krieg! Wie kann ich mich als Christin dazu verhalten? Was kann ich sagen?

Es fällt mir tatsächlich schwer, die richtigen Worte zu finden… Nichts will mir so schnell über die Lippen kommen, aus der Feder fließen. „Selig sind, die Frieden stiften…,“ sagt Jesus eindeutig. Aber wie?

Dem Bösen nicht widerstehen, sondern auch noch die andere Wange hinhalten? Aber haben diese Menschen in der Ukraine nicht Schutz verdient? Soll man sie wehrlos ihrem Schicksal überlassen? Dem Terror und dem Krieg? Das ist ja nicht nur eine politische Frage. Plötzlich stehe ich vor ethischen Fragen, die ich nicht mehr nur theoretisch mit schlauen Zitaten beantworten kann. Plötzlich wird es sehr praktisch!

Und die christliche Hoffnung?

Auch hier kommen die Worte nur zögerlich, nur sehr verhalten… Kein schneller Trost – Vertröstung!
„Gott wird abwischen alle Tränen…!“ Ja, aber darf ich das hier so sagen? Ich – zwar vielleicht mit Einschränkungen, weil ja alles teurer wird, aber ansonsten doch noch sehr in meiner Komfortzone – darf ich solche Worte zitieren?

Wie viele Tränen müssen fließen? „How many tears…“ mit Tausenden gesungen in den 80er Jahren. Auch das kommt mir wieder in den Sinn.
Fragen, keine Antworten.
Aushalten, keine Lösungen!

Als Jesus sich im Garten Gethsemane zum Gebet zurückzieht, bittet er sein Jünger: „Bleibet hier und wachet mit mir!“ Und die Jünger schaffen es nicht, sie schlafen ein.
Es ist zu viel! Keine Nachrichten mehr sehen, die verstörenden Gedanken beiseiteschieben – was können wir tun?

Ausschalten, abschalten?

„Bleibet hier und wachet mit mir!“ Vielleicht das? Nicht mehr und nicht weniger. Dabeibleiben, aushalten, nicht wegschauen, auch bei aller Hilflosigkeit.

Wir sind am Beginn der Passionszeit. Auch da geht es ums Aushalten, Dabeibleiben. Den Weg Jesu ans Kreuz – nicht wegschauen. Unser Glaube eignet sich nicht für billige Vertröstungen, das wird in der Passionszeit überdeutlich. Unser Glaube muss Fragen aushalten, auch Zweifel. Der Tod Jesu am Kreuz ist und bleibt verstörend.

„Bleibet hier und wachet mit mir!“

Die Jünger im Garten Gethsemane schlafen ein. Sie sind erschöpft, vielleicht flüchten sie sich auch in den Schlaf. Jesus kommt wieder und fordert sie erneut auf: „Wachet und betet!“ Auch ich kann nicht immer dabeibleiben, auch ich brauche meine kleinen Fluchten. Und muss dann immer wieder erneut erinnert, aufgeweckt werden.

„Bleibet hier und wachet mit mir!“

Das ins Praktische übersetzen: „Beten und Spenden“, das war schon zu Beginn des Krieges das Einzige, was mir als Antwort einfiel. Die Geflüchteten mit Respekt empfangen, sie mit Fürsorge umgeben, so gut es geht. Auf allen politischen Ebenen für den Frieden eintreten – da wo ich es kann. Und aushalten, dass es schnelle Lösungen – vielleicht auch Wunder – nicht gibt…

Und vielleicht ist das Rot am Himmel dann irgendwann keine Feuersbrunst mehr, sondern der Anbruch des neuen Tages – im Frieden!

Jutta Neumann

Dozentin, Pfarrerin

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