„Man darf an allem sparen, aber nicht am Wasser.“ – Das ist quasi DIE goldene Pilgerregel, die ich gelernt habe, als ich vor ein paar Jahren mit einer Kollegin und einer Gruppe von Schülerinnen eine Woche lang auf dem Jakobsweg das letzte Stück von Sarria bis nach Santiago de Compostela gewandert bin.
Leuchtet ja auch ein, die körperliche Anstrengung – manchmal unterstützt durch die äußeren Bedingungen – bringt einen ganz schön ins Schwitzen und der eigene Wasserbedarf und -verbrauch sind entsprechend hoch. Wasserstellen lassen sich nicht überall oder nicht immer in planbaren Abständen finden. Also ist es wichtig, immer ausreichend Wasser dabei zu haben.
So wichtig und so einleuchtend diese Regel ist – erfahrene Wander- und Pilgerprofis unter Ihnen werden mir bestimmt zustimmen –, es ist auch eine Regel, die beim Packen schnell in Vergessenheit gerät.
Man sagt so ein Pilgerrucksack für eine mehrtägige Wanderung sollte nur ca. 6-8 kg wiegen. 6-8 kg… Wie viele Unterhosen, Socken, T-Shirts, Wechselhosen, Pullover, bequeme Schuhe, Badeschlappen, Hygieneartikel kann man da mitnehmen? Wieviel Platz – oder besser: Gewicht – ist dann noch übrig für Entertainment – Bücher, e-Reader, Tablet, Handy?! Ach ja… einen Schlafsack und ein Handtuch sollte man auch noch dringend einpacken.
Ein paar Gramm hier werden schnell zu ein paar Kilo da und weil man sie meist noch ungefüllt einpackt, hat man ganz vergessen, dass ja noch mindestens 1 kg für die Trinkflasche inklusive Wasser obendrauf kommen.
Bei der Anprobe zu Hause denkt man vielleicht noch: „Ach, ob 6 oder 8 kg oder noch ein, zwei Kilo mehr, das macht den Kohl ja wohl auch nicht fett.“ – „So schlimm wird es wohl nicht sein.“ – „Das schaff ich schon.“
Und das ist das Tückische: so richtig merkt man es eben erst im Laufen über Zeit und Strecke, wie schwer der Rucksack wirklich ist. Was zu Hause noch leicht zu schultern vorkommt, unterwegs verraten Füße und Rücken sehr deutlich, ob ich mich nicht doch überlaste.
In den Pilgerherbergen (und ich habe mir sagen lassen, in der Hochsaison auch am Wegesrand) sieht man deshalb immer wieder Gegenstände die als noch „dringend gebraucht“ zu Hause eingepackt wurden, dann aber als „sehr entbehrlich“ zurückgelassen werden: Bücher, Wechsel-Kleidung, zu großzügig dimensionierte Hygieneartikel, etc.
Jeder zurückgelassene Gegenstand macht deutlich: jedes Gramm zählt, was nicht absolut wichtig ist, kann und muss manchmal, aussortiert werden. Was aber nicht zurückgelassen werden kann ist Wasser! Was nützen fünf Wechsel-T-Shirts, wenn ich nicht hydriert genug bin, um sie auch voll zu schwitzen?
Pilgern eröffnet da einen Blick auf das, was wesentlich ist: Was brauche ich wirklich? Oder aber: Was ist mir so wichtig, dass ich bereit bin, meinem Körper das Extragewicht zuzumuten?Auch wenn die Antworten im Detail verschieden ausfallen können, was jedoch immer gilt ist: ich kann an allem sparen, aber nicht am Wasser.
Während in der Wander- und Pilgerszene ein (im Sinne dieser Regel) ‚falsch‘ gepackter Rucksack zu den Anfängerfehlern zählt, scheint mir die Achtsamkeit mit Blick auf das Packen von „Alltagsrucksäcken“ nicht so verbreitet zu sein.
Übervoll sind häufig die „Rucksäcke“ mit Verantwortung, Verpflichtungen, Ansprüchen und Aufgaben, Terminen und To-Dos. Ausreichend Platz für „Wasser“ ist da kaum noch vorhanden. Und natürlich geht es dabei nicht um Wasser als H2O, sondern das, was mich erfrischt, was mich auftanken lässt, was mir guttut, was ich wirklich brauche.
Für mich sind das Ausflüge mit meiner Familie, ein Abend unter Freunden mit selbstgekochtem Essen, Zeit nur für mich, Alleinsein, Musikmachen, mit dem Fahrrad in der Natur unterwegs zu sein. Vor allem ist es aber die segensspendende Kraft Gottes, die in all diesen kostbaren Momenten immer wieder durchscheint. Momente, in denen ich mich beschenkt fühle. Es sind seine Nähe und sein Zuspruch, auf die ich angewiesen bin. Zu wissen, Gott ist da. Zu wissen, dass ich vor Gott nicht funktionieren muss, sondern mich auch schwach und verletzlich zeigen darf. Dass ich mich mit all meinen Schwächen in seine Arme fallen lassen darf. Dass ich mir seine Nähe nicht verdienen muss und es nicht darauf ankommt, wie lang meine To-Do-Liste ist oder wie viele Stunden ich am Schreibtisch verbringe.
Es ist kein Zufall, dass in der Bibel das lebensspendende Element Wasser häufig mit der segensspendenden Kraft Gottes identifiziert wird. Eines der wohl bekanntesten Bilder, das diesen Gedanken aufnimmt, findet sich in Psalm 23:
„Der Herr ist mein Hirte. Mir fehlt es an nichts. Auf saftigen grünen Weiden lässt er mich lagern. Er leitet mich zu Ruheplätzen am Wasser, dort erfrischt er meine Seele.“
Lagern, rasten, erfrischen, die Nähe und den Zuspruch Gottes wahrnehmen und spüren, das geht nicht mal eben nebenbei. Auch das braucht Zeit.
Wenn Sie nun in der Sommerpause nach langer Wegstrecke endlich einmal Ihren Alltagsrucksack absetzen dürfen, nutzen Sie doch gleich die Gelegenheit, um kräftig auszumisten und ihre persönliche „Packliste“ zu überprüfen.
Was würde sich ändern, wenn Sie dem Packgewicht Ihres Rucksacks ein Limit von acht Kilogramm setzen würden und ein Kilo bereits vorab für „Wasser“ reserviert wäre? Welche „Wechsel-Klamotte“ oder welchen „Nur-für-den-Fall-dass-Gegenstand“ würden Sie als erstes auspacken? Wie würde es sich anfühlen die nächste Etappe mit leichterem Gepäck beginnen zu können? Was hindert Sie, es tatsächlich zu tun?
Lassen Sie Ihr Nachdenken motiviert sein von Worten Jesu, der spricht:
„Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (Joh 4, 14)
In diesem Sinne: erholsame Ferien, Buen Camino und hoffentlich auch ein gutes Ent-lasten wünscht Ihnen und Euch
Malte Lojewsky

Dozent, Lehrer
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